Oklahoma

“Sic semper tyrannis”. Alice ware vier Jahre alt und hatte keine Ahnung was der Spruch bedeutete, das in grossen Lettern auf dem T-Shirt des 18jährigen Mannes geschrieben stand. Sie konnte es auch gar nicht sehen, denn sie befand sich ein Stockwerk über der Strasse, im Day Care Center des Alfred P. Murrah Federal Building, gemeinsam mit 14 anderen Kindern und spielte. Es war 09.02 am Vormittag des 19. April 1995. Ein sonniger und schöner Tag in Oklahoma City. Dann ging alles ganz schnell, der Van explodierte in einem gigantischen Feuerball. In Sekunden erreichte die Explosion das Day Care Center im Gebäude und eine Sekunde später die oberen Stockwerke. Die Explosion war so stark, dass ein Drittel des neun Stock hohen Regierungsgebäudes einfach weggesprengt wurde und einen 9 Meter (30 foot) breiten und 2,5 Meter tiefen (8foot) Krater hinterließ. 324 Gebäude im Umkreis von 5 Blocks wurden beschädigt und Alice sowie 167 weitere Personen fanden den Tot binnen einer Minute.

So oder so ähnlich könnte es in einem Buch, einem Thriller stehen. Doch handelt es sich nicht um eine fiktive Geschichte, sondern um eine schreckliche Wahrheit, die sich vor rund 23 Jahren in Oklahoma City zugetragen hatte. Wir standen am Survivor Tree, dem Baum, der trotz der starken Explosion und der Aufräumarbeiten, überlebt hatte. Die Menschen von Oklahoma City nahmen den Baum als ein Zeichen der Hoffnung und des Wiederaufbaues an. Die Inschrift auf der Innenseite der Ummauerung lautet “the spirit of this city and this nation will not be defeated; our deeply rooted faith sustains us.” Es war später Abend und das Oklahoma City National Memorial lag einsam und friedlich vor uns. Die “Fields of Empty Chairs” – eine beleuchtete Reihe von 168 leeren Stühlen, stand symbolisch für die Opfer dieser Tragödie entlang des “Reflecting Pools”. Zwei grosse Bronzetore mit dem klingenden Namen “The Gates of Time”. Bevor wir das Memorial betraten sahen wir die Uhrzeit 9:02 – die Zeit der Zerstörung. Innerhalb des Memorials auf dem Osteingang war die Uhrzeit 9:01 verewigt und symbolisiert die letzen Momente des Friedens, während auf dem gegenüberliegenden Tor die Uhrzeit 9:03 den Wiederaufbau und den Beginn der Heilung symbolisierte. Viele Worte lassen sich für dieses Memorial finden, doch haben wir auf unserer bisherigen Reise gelernt, dass Vergleiche dem gerade Betrachteten nicht gerecht werden und es ungerecht ist. Und so genossen wir die Stille und die Nachdenklichkeit, die uns in diesem Memorial überkam.

Downtown Oklahoma City präsentierte sich im eigenen Licht und Klang. Bis auf das Bricktown Viertel verbreiteten die verlassenen Strassen eine Stille, die uns ungewöhnlich für eine Stadt mit knapp 600.000 Einwohnern erschien. Restaurants schienen verlassen, aus dem ersten Brauhaus der City tönte keine Musik, obgleich geöffnet, es gab so gut wie keinen Verkehr, kein Hupen, kein Motorengeräusch, keine Obdachlosen, keine Personen, die “irgendwo” herumlungernten, kein Dreck auf den Strassen, keine Zigarettenkippen, meist nicht einmal Kaugummi, die zertreten und als weissgraue Flecken eine jede Stadt “schmücken”. Oklahoma City wirkte verlassen, obwohl am darauffolgenden Tag ein grosses Baseballspiel im berühmten “Chickasaw Bricktown Ballpark” stattfand und fast alle Hotelzimmer der Stadt belegt waren.

Noch ein paar Worte zum Bundesstaat Oklahoma selbst:
Oklahoma liegt südlich und direkt angrenzend an Kansas. Mit fast 4 Millionen Menschen und einer Grösste von halb Deutschland ist es nicht gerade das meist besiedelte Gebiet. Oklahoma steht für eine der dunkelsten Zeiten der USA und der Ureinwohner. Andrew Jackson der 7. Präsident der USA verabschiedete am 28. Mai 1830 den Indian Removal Act. In diesem Dokument der Gewalt und wie manche Zeitzeugen es nannten “Genozid-Dokument”, wurden Ureinwohner östlich des Mississippi zwangsumgesiedelt in eine neues Gebiet mit dem Namen Oklahoma – was so viel wie “roter Mann” bedeutet. Auch dieses neue Gebiet “gehörte” nicht lange den Natives. Etwa 50 Jahre später, begannen die “Land Runs” in denen Siedler aus dem Osten Land zugesprochen bekamen. Land, das ursprünglich den Natives versprochen worden war. Geschichte wiederholt sich offenbar laufend.

Hi, ich bin Jürgen. Die meisten kennen mich als Jay. I know, das kann manchmal verwirrend sein. Wie ich zu meinem neuen Namen gekommen bin, hat mit hunderten falschen Starbucks Bechern, die allesamt mit anderen Namen beschriftet waren, zu tun. So kraftvoll wie in diesen letzten Jahren ist mir das Leben noch nie begegnet und es darf mich nicht wundern, dass ich das Reich von schnellen und unpersönlichen Geschäften und dem Erfüllen der Erwartungen der Gesellschaft hinter mir gelassen habe. Ich habe mein Sakko gegen Wanderkleidung und Shorts getauscht, das Aftershave gegen Insektenspray und mein Auto gegen einen Camper.

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