Road Trip

Tulum – The good the bad the ugly

Warum ist das ganze Wasser leer?“, fragte ich laut vor mich hin, als wir im Chedraui-Supermarkt schnell ein paar Dinge einkauften. Keine vier Stunden zuvor war unser Flugzeug mit phänomenaler Verspätung in Cancún, Mexiko gelandet.

Etwa zwei Stunden hat es gedauert, bis wir am Mietwagenschalter nach bester mexikanischer Manier abgezockt wurden. Und nun, hundemüde (nachdem wir die Nacht zuvor kaum geschlafen hatten – eine gaaaaanz andere Geschichte), standen wir in einem Supermarkt, der kein Wasser für uns hatte.

Für diejenigen, die es nicht wissen: Wasser aus dem Hahn in Mexiko, vor allem an der Riviera Maya, ist nicht trinkbar. Und damit meinen wir wirklich absolut ungenießbar – so sehr, dass man beim Duschen besser den Mund geschlossen hält und Salat nur mit Trinkwasser wäscht. Wir kaufen also ein paar der kleinen Flaschen (die, die immer und überall am Strand herumliegen) und dabei fiel uns auf, dass auch andere Dinge in den Regalen fehlten. “Was ist denn jetzt schon wieder los?“, dachte ich mir. “Hat jemand wieder einen ‘Hurra-die-Apokalypse-kommt’-Notstand ausgerufen?

Nein, wie wir am nächsten Tag erfuhren, hatte Helene ihren Besuch angekündigt. Nicht etwa eine tanzende Mexikanerin aus Oaxaca, sondern ein Tropensturm, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte (ganz mexikanisch), Dinge mitzunehmen, die ihm/ihr nicht gehörten – in diesem Fall Dächer, Palmen, Häuser, und so weiter. Dazu versprach die liebe Helene viel Regen und Wind mit sich zu bringen.

Egal, wir hatten ja letztes Jahr schon das Vergnügen mit einem Taifun auf Mauritius. Ein kleiner Hurrikan? Kein Problem für uns. Wir hatten ja alles, was wir brauchten … Ach ja, außer Wasser.

Ein wenig Wind und etwas Regen später war die Sonne wieder da und unser einmonatiger Erholungsurlaub in Tulum konnte beginnen. Wir hatten uns ein Haus im Dschungel für einen Monat gemietet und wollten die Zeit nutzen einige Dinge aufzuarbeiten, die in den letzten Monaten liegen geblieben waren.

Tulum also, Mexiko, hä? So mancher Leser fragt sich nun WTF? In Mexiko, wir? Nach allem, was wir dort erlebt haben? Ah, räusper… Ja, wir sind tatsächlich in Tulum, ganz im Süden von Mexiko an der Golfküste. Diesmal aber nicht im Camper sondern eben in einem Haus inmitten des dichten Maya-Dschungels. Und bis auf Strand, Palmen, gutes Essen und Kaffee hatten wir nicht viel vor. Wir kennen die Gegend schon recht gut. Schliesslich unser dritter Besuch hier auf der Riviera Maya. Einmal mit dem Auto von Belize gekommen, einmal mit dem Auto von der USA und nun wie es sich für Reisende gehört – mit dem Flugzeug. 😂

Einen Moment. Back-Up: Was und wo ist den eigentlich Tulum?!

In den frühen 1990er Jahren war Tulum ein kleines Fischerdorf an der Riviera Maya, Mexiko mit schätzungsweise 2.000 bis 5.000 Einwohnern. Heute sind es etwas mehr als 40.000. Während Cancún für Pauschalurlauber in All-inclusive-Betonalbtraum-Resorts seit den 1970er Jahren explodierte und sich zu einem der beliebtesten Reiseziele weltweit entwickelte, füllte Tulum eine Lücke. Eher zufällig, denn seine unberührten Strände lockten die Sonnenanbeter an, ohne dass es zu darwinistischen Kämpfen um Liegestühle kam.

Tulum wurde ein beliebtes Ziel für Reisende, nicht für Touristen. Der wohl wichtigste Punkt in jeder Bohème-Refugie rund um die Welt. Die Yogakurse im Dschungel, die kristallklaren Cenoten und die lokalen Restaurants mit traditionellen Maya-Rezepten formten eine authentische Gegenkultur und eine Utopie, einen Schmelztiegel für Fremde und Abenteurer.

„Bleib und sei still“ wurde zum Slogan von Tulum. Die Menschen taten genau das, und so erreichte Tulum die seltene Mischung aus Interesse, Ruhe und relativer Unbekanntheit. Leider konnten wir Tulum selbst nicht in dieser Form erleben. Als wir vor sechs Jahren zum ersten Mal hier waren, sprachen wir mit „Veteranen“, die schon in der Beatnik- und Hippie-Ära hergekommen waren. Sie schilderten uns eindrucksvoll wie Tulum früher war.

In diesem Zustand schwebte Tulum fast 30 Jahre lang. Es war der Erzfeind von Cancún und wurde zu einem fast ätherischen Konzept des Paradieses für Menschen, die den Namen gehört hatten. Doch vielleicht unvermeidlich wurde die Idee von Tulum bald von der Realität eingeholt. In den letzten Jahren strömten Social-Media-Influencer an die ruhigen Strände der Stadt, begleitet von ihren Anhängerscharen, wodurch Tulums Name weiter wuchs.

Wer heute durch Tulum spaziert, kann das Potpourri an Gestalten erkennen: der Pauschalurlauber, der Instagram-Hungrige, der Selfiestick schwingende Jugendliche aus der Generation Z, der alte Hippie, der potrauchend in einem der zahllosen „chic“ Cafés sitzt und mit Freunden über das Leben und die Veränderungen philosophiert, der reiche mexikanische Bauunternehmer, der jedem sein neuestes und natürlich bestes „Öko-Projekt“ verkaufen will, der festivalhungrige Besucher, der tagsüber zwischen herabschauendem Hund und Meditation pendelt und abends zu den Bässen wippend jedem Rock hinterherschaut, mit Kokain zugedröhnt.

Es scheint immer deutlicher zu werden, dass Erfolg im Tourismus einfach nicht nachhaltig ist und dass Bohème-Refugien eine begrenzte Halbwertszeit haben. Wir werden zu der Frage gezwungen, ob wirklich erfolgreiche Hotspots jemals ihren eigenen Wohlstand überleben können.

„Jeder will bei etwas Besonderem dabei sein, jeder – bis es eben nicht mehr ganz so besonders ist”.

"oso"
architecture Tulum Beach
A beach for us alone

„Jeder will bei etwas Besonderem dabei sein, jeder – bis es eben nicht mehr ganz so besonders ist.“

Aber was machen wir eigentlich hier?

our roof pool

Tulum bot die beste und günstigste Flugverbindung von Seattle nach Südamerika und die Unterkünfte waren hier mit Abstand am preiswertesten.

Wir hatten mit Costa Rica geliebäugelt, doch die extrem hohen Preise und die Regenzeit am Pazifik waren nicht ideal. Nicaragua hatten uns Freunde empfohlen, doch dort galt ein Einreiseverbot für meine Drohne (naja, nicht nur für meine, ist eher ein generelles Verbot). Die Unterkünfte auf den karibischen Inseln waren entweder weit über unserem Budget oder völlig ungeeignet für einen erholsamen, einmonatigen Aufenthalt.

Zugegeben, wir sind etwas wählerisch: Das klassische Hostel oder die Strandhütte, bei der die Matratze mehr Schimmel als das Moskitonetz Löcher hat, ist nichts für uns. So fiel die Wahl auf ein Haus im Maya-Dschungel, das normalerweise weit über unserem Budget liegen würde. Es hat einen zum Haus gehörigen Dachpool – zusätzlich zum Gemeinschaftspool, eine überdachte Terrasse mit Ventilator, eine Waschmaschine und sogar Starlink-Internet. Das Schönste war jedoch, dass wir das einzige Haus in der Anlage waren, die anderen mussten erst gebaut werden.

Zum Glück bekamen wir einen sehr speziellen Preis von unseren Hosts – erstens, weil wir mehr Airbnb-Bewertungen haben als ein Hotel in einem Touristengebiet, und zweitens, weil gerade Nebensaison ist. Neben ein paar liegengebliebenen Dingen, die wir aufarbeiten wollten, nutzten wir die Zeit, um endlich mit dem Spanischlernen anzufangen und uns sprachlich auf die nächsten Monate vorzubereiten. Es wird nach Südamerika gehen. Für wie lange, wissen wir natürlich nicht. Wohin, wissen wir natürlich auch nicht.

view from out terrace
a full moon
this is beautiful

"Mexiko ist ein Land, das man nicht verlässt, ohne ein Stück seiner Geldtasche zurückzulassen."

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Hi, ich bin Jay. So kraftvoll wie in diesen letzten Jahren ist mir das Leben noch nie begegnet und es darf mich nicht wundern, dass ich das Reich von schnellen und unpersönlichen Geschäften und dem Erfüllen der Erwartungen der Gesellschaft hinter mir gelassen habe. Ich habe mein Sakko gegen Wanderkleidung und Shorts getauscht, das Aftershave gegen Insektenspray und mein Auto gegen einen Camper.

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