Nebel, Nerven, Nordwest – Unterwegs auf dem Wild Atlantic Way
Eine Irlandreise - Teil 2







Der Sommer, den wir nicht hätten loben dürfen
Und dann kam der Regen. Wie wir später erfuhren, spricht man in Irland besser nicht über das Wetter. Sonst „jinxt“ man es – und dann wird es schlecht. Selbst wenn man sagt, wie schlecht es gerade ist, jinxt man es noch mehr… und dann wird es richtig mies. Das wussten wir natürlich nicht. Deshalb möchten wir uns an dieser Stelle offiziell bei allen Iren entschuldigen: Es tut uns leid, dass wir euch den Sommer versaut haben. Ich bin mir sicher, ohne unser überschwängliches Lob über das tolle Wetter hättet ihr einen wunderbar entspannten Sommer erlebt. Also, noch einmal ganz formell: Sorry!
Wo war ich? Ach ja – es regnete. Nicht durchgehend, aber doch regelmäßig. Der Wind kam später. Doch dazu mehr … später.
Erst mal ging es Richtung Süden. Erster Halt: Thomastown. Nur 20 Minuten Fahrt – aber die Straßen waren schmal. Nicht ganz so schmal wie in Wales, aber doch spürbar. Das Ganze sah so aus: Auf der einen Seite eine Hecke, etwa vier Meter hoch. Auf der anderen Seite eine Mauer aus dicken Steinen, vermutlich vor Tausenden von Jahren dort hingewuchtet. Dazwischen ein Asphaltband, gerade breit genug, dass zwei Sumoringer seitlich aneinander vorbeischieben könnten. Für Autos eher suboptimal. Für Camper – naja, ihr könnt euch das vorstellen.
In diese Gleichung kamen dann noch die irischen Autofahrer – bekannt für ihren, sagen wir mal: zügigen Fahrstil. Nicht aggressiv, nur … sehr zuversichtlich. Geduld war trotzdem kein Problem. Und das Zurücksetzen – manchmal über mehrere hundert Meter – war meistens Sache des kleineren Fahrzeugs. Uns traf es also nur, wenn uns ein Bus, ein Baustellenfahrzeug oder ein Traktor entgegenkam.
Thomastown war winzig. Ein kleines Zentrum, das sich auf vielleicht drei Cafés und einen Gemischtwarenladen beschränkte. Aber wir fanden The Blackberry Café und die Bäckerei Lekker Food – eine südafrikanisch-französische Fusion, die nicht ganz zu definieren war, aber immerhin ein frisches Baguette hervorbrachte, das Nina sofort im französischen Stil aufaß, noch bevor wir wieder am Camper waren.
Weiter ging’s durch noch schmalere Farmstraßen – mit Hecken, Mauern und dem Gefühl, gleich einer Kuh frontal zu begegnen. Doch stattdessen erreichten wir Inistioge, eines dieser Orte, die in jedem Irland-Fotobuch auftauchen. Eine hübsche Brücke. Gepflegte Häuser. Ein weißes Pferd, das auf der anderen Flussseite stand und grasend in die Kamera lächelte. Ein Kaffeewagen und ein kleines Café, beide mit ordentlich Andrang. Nett war’s. Warum es als „eines der schönsten Dörfer Irlands“ gilt? Wahrscheinlich, weil es einfach so aussieht, wie man sich Irland vorstellt.
Weiter über Waterford – die älteste Stadt Irlands – über Tramore, einen angeblichen Surfer-Hotspot. Von dort ging’s der Küste entlang nach Westen.
Am Rand des Atlantiks










An einem der folgenden Tage stoppten wir etwas außerhalb von Annestown. Wir fanden einen kleinen Parkplatz direkt an den Klippen. Der Atlantik donnerte unter uns, der Wind rüttelte an Rusty – aber es war einer dieser Plätze, die man so schnell nicht vergisst. Nina kochte Marillenknödel. Ich saß draußen, geschützt im Windschatten, und schrieb. Die Knödel? Großartig. Warm, süß, fluffig. Alles, was man nach Tagen auf engen Straßen und in windzerzausten Küstenorten braucht.
Ein irisches Pärchen hielt mit ihrem etwas in die Jahre gekommenen, aber liebevoll dekorierten Wohnmobil neben uns. Beide um die sechzig, sonnengegerbte Gesichter, strahlende Augen und dieser unverkennbare irische Akzent, der jedes Gespräch sofort gemütlich macht. Wir plauderten über das Reisen auf ihrer Insel, ihre Lieblingsplätze und darüber, wie ab Ende Juli selbst die abgelegenste Parkbucht zur Hochsaison-Hochburg wird – das irische Pendant zum italienischen Ferragosto, wie sie meinten, nur mit mehr Regen und weniger Gelato. Dann winkten sie noch einmal herzlich und tuckerten weiter die Küste entlang.
Der nächste Tag brachte: Kilmurrin Beach. Und Sonne. Kurz, aber heftig. Bevor es wieder regnete.
Wir stellten Rusty auf einen kleinen Parkplatz direkt in einer Bucht, in der bereits mehrere andere Camper standen. Alles Iren – abgesehen von einem Deutschen, der … wie soll ich es ausdrücken? Offensichtlich nicht dazugehörte. Ich setzte mich auf eine der Kunststoffbänke am Rand des Parkplatzes – halb Wiese, halb Sand – mit Kaffee in der Hand und Sonne im Gesicht.
Die Bucht wirkte wie aus einem irischen Tagtraum ausgeschnitten: ein sichelförmiger Strand, eingerahmt von moosbewachsenen Klippen, die sich wie schützende Arme um das Wasser legten. Das Meer war überraschend ruhig, fast still, und glitzerte in der Morgensonne wie flüssiges Silber. Möwen zogen ihre Kreise, während ein einzelner Hund begeistert den Wellen hinterherjagte. Ein paar Einheimische – vor allem ältere Iren – nutzten die Sonne und den mäßigen Wind, um sich mutig in die kalten Fluten zu stürzen. Mich erinnerte das sofort an Hout Bay, nicht weit von Kapstadt in Südafrika, wo unser Freund Thomas sich trotz Eiseskälte und steifer Brise täglich in den Atlantik wirft. Brrrrr.
Hinter uns das satte Grün der Wiesen, vor uns das endlose Blau – und mittendrin wir, mit unserem Kaffee und dem Gefühl, heimlich einen kleinen, perfekten Ort entdeckt zu haben.
Nina kam ins Gespräch mit unserem Nachbarn – einem Iren, der seinen Job gekündigt hatte, nun aus dem Wohnwagen arbeitete und seit zwei Wochen an diesem Strand lebte. Er wirkte entspannt. Vielleicht sogar zufrieden. Und das ganz ohne Instagram-Sprüche auf Holzschildern.
Wir blieben ein paar Stunden. Arbeiten, schreiben, Sonne genießen. Für einen Moment war alles da: das Rauschen der Wellen, die Wärme auf der Haut, das Gefühl, genau am richtigen Ort zu sein. Es war ein Donnerstag.













Wir folgten weiter der Küste, durch Orte wie Ardmore mit den windigen Klippen, dem Samson-Schiffswrack, Cox’s Field, Pilmore, Creaken, Ballycotton, Power Head, Whitegate, Midleton und noch einige mehr, bei denen wir kein Ortsschild gesehen hatten – oder auf Google Maps nicht erkennen konnten, wo wir eigentlich waren.
Dann standen wir in Cork, das uns mit Sonne, Wind und nur wenig Regen begrüßte – eine Mischung, die wir inzwischen gut kannten.
Cork war besser als erwartet. Nicht schön-schön, aber lebendig. Pubs, Geschäfte, viele junge Menschen. Und ab 10 Uhr morgens: tischweise betrunkene Menschen in den Pubs. Wochenende in Irland. Die zweitgrößte Stadt Irlands selbst fühlt sich ein bisschen an wie Dublins rebellische kleine Schwester – selbstbewusst, ein bisschen rau, aber herzlich und charmant. Die Menschen hier nennen ihre Stadt mit einem Grinsen gern die „echte Hauptstadt“. Während Dublin das politische Zentrum ist, sehen viele in Cork das kulturelle – oder zumindest das authentischere – Irland.
Die Altstadt verteilt sich über mehrere Inseln im River Lee, verbunden durch zahlreiche Brücken. Zwischen alten Kirchen, bunten Häuserzeilen und modernen Cafés schlägt das Leben in Cork einen ganz eigenen Takt. Nicht hektisch, aber bestimmt. Ein bisschen improvisiert, aber nie langweilig.
Und doch – so richtig hat’s bei uns nicht Klick gemacht. Cork konnte uns nicht das Herz erwärmen. Vielleicht fehlte das gewisse Extra, das schwer zu benennen ist, aber das man spürt, wenn es da ist. Es blieb bei einem kurzen Eindruck: interessant, laut, irgendwie cool – aber eben nicht unser Ort.
Weiterziehen






Nur eine halbe Stunde Fahrt südlich von Cork wartete Kinsale auf uns. Startpunkt des Wild Atlantic Way. Es soll eine der spektakulärsten Küstenstraßen der Welt sein. Über 2.500 Kilometer schlängelt sich diese Route an Irlands wilder Westküste entlang, vorbei an schroffen Klippen, endlosen Stränden, einsamen Leuchttürmen und winzigen Dörfern, die wirken, als wären sie aus einer anderen Zeit. Dass wir noch nie davon gehört hatten, bevor wir in Irland ankamen? Mal wieder typisch für uns – fast schon unser Markenzeichen. Und rückblickend war das auch gut so. Denn so sind wir ohne Erwartungen losgefahren. Offen für alles. Bereit, uns überraschen zu lassen – von Wind, Wellen, Regen und allem, was da noch kommen sollte.
Bei einer Recherche fanden wir heraus: Der Wild Atlantic Way ist noch gar nicht so alt. Erst 2014 wurde er offiziell eröffnet – ein ambitioniertes Projekt, mit dem Irland seinen wilden Westen touristisch erschließen wollte. Mit Erfolg: Heute ist der Wild Atlantic Way die beliebteste Inlandtourismus-Region des Landes. Er generiert über die Hälfte der inländischen Tourismuseinnahmen, zieht jährlich mehr und mehr Besucher an und hat die Einnahmen entlang der Route um 60 Prozent gesteigert. Rund 35.000 neue Arbeitsplätze sind dadurch entstanden.
Das Rezept? Ganz simpel: Man verknüpfte bestehende Küstenstraßen, verpasste dem Ganzen ein einheitliches Branding – samt Wellen-Logo und einem griffigen Slogan – und definierte über 150 sogenannte „Discovery Points“: Orte zum Staunen, Verweilen, Weiterträumen. Seitdem zieht sich das charakteristische Logo wie ein roter (oder besser: blauer) Faden durch den Westen Irlands. Der Slogan dazu lautet sinngemäß: „Eine Reise voller ungezähmter Natur, Kultur und Geschichte.“ Voilà. Und wir? Folgen der Küste, wie schon so oft.
Doch bevor es losgeht, noch Kinsale erkunden. Der hübsche Küstenort war rappelvoll – Samstagnachmittag, gutes Wetter, halb Irland unterwegs. Einen Parkplatz in der Stadt? Keine Chance. Aber Kinsale hatte etwas.
Schon bei der Ankunft spürt man diese besondere Atmosphäre – fast mediterran, obwohl man mitten in Irland ist. Enge Gassen schlängeln sich den Hang hinauf, farbenfrohe Häuser reihen sich dicht aneinander, und überall duftet es nach Meer, Salz und frisch gebackenem Brot. Der Ort gilt nicht nur als Gourmet-Hauptstadt Irlands, sondern auch als charmantes kleines Kraftzentrum mit viel Geschichte: Früher ein strategisch wichtiger Hafen, umkämpft von Engländern und Spaniern, belagert, befestigt, verteidigt. Heute erinnert noch Fort Charles an diese Zeiten – dabei scheint Kinsale mit einer entspannten Leichtigkeit den Bogen zwischen Historie und Gegenwart zu schlagen.
Man könnte sagen, Kinsale ist nicht einfach ein hübscher Ort an der Küste – er hat Charakter. Diese Mischung aus maritimem Flair, lässiger Eleganz und kreativer Energie macht Kinsale zu einem Ort, der bleibt. Nicht nur auf Fotos, sondern im Gefühl.
Wir schlenderten, ließen uns treiben. Kleine Läden, Galerien, Cafés, Boutiquen, Street Art, Surfshops. Ausklingen ließen wir den Tag mit einem kleinen Guinness auf einem grünen Tisch mit gelben Stühlen auf Kopfsteinpflaster vor dem Groundhog Pub – natürlich spielte eine Liveband. Der Ort vibrierte – ganz ohne Kitsch.
Südwesten & Mizen Head – Wild, neblig, wunderbar






Wir fuhren also entlang des Wild Atlantic Way. Die Küstenstraße schlängelte sich zwischen grün bewachsenen Hügeln und glitzerndem Wasser dahin, und Irland zeigte sich von seiner besten Seite: weich, wild und irgendwie unbeeindruckt von allem, was man über gutes oder schlechtes Wetter denkt. Es war, wie es war – und heute war es: regnerisch. Und neblig.
In Clonakilty spazierten wir durch den Ort, teilweise mit Schirm, teilweise ohne. Der Regen kam in Intervallen, mal als Niesel, mal als Sturmregen. Ein Cappuccino half nur bedingt. Immerhin: Der Ort war charmant.
Von dort ging es weiter durch sattgrüne Wiesen, vorbei an vernebelten Hügeln und wieder auf schmalen Straßen nach Skibbereen – ein Ort, der laut kurzer Recherche vielversprechend klang, aber im Regen eher nach „okay“ aussah. Interessant war das Filmprojekt, das gerade dort gedreht wurde. Wir kamen mit einem der Produzenten ins Gespräch.
Worum ging’s? Ein älterer Mann ist nach einer privaten Tragödie suizidgefährdet, und eine junge Frau zeigt ihm, was das Leben bereithalten kann. Liebe. Rückfall. Trauer. Und eventuell ein Happy End – meinte Ian, der Produzent, mit einem Augenzwinkern. Noch bevor wir „see ya“ sagen konnten, empfahl er uns Crookhaven – ein winziger Ort nur 30 Minuten entfernt, mit einem fantastischen Pub. Sie hätten dort gedreht, das Pub sei ihr Zuhause gewesen – für die Dreharbeiten und alles andere. Gesagt, getan.
Crookhaven liegt dort, wo Irland langsam aufhört, so zu tun, als wäre es noch Land. Am äußersten Zipfel der Mizen-Halbinsel, eingerahmt von Hügeln, Atlantik und Himmel. Kein Ort, den man „besucht“. Man landet hier. Oder wird hergeweht.
Die Straße dorthin wird immer schmaler, kurviger, einsamer. Hecken rücken näher, der Blick öffnet sich plötzlich – und dann liegt es da: ein kleines, geschütztes Inlet, fast wie eine natürliche Umarmung für Boote, die draußen im Atlantik nichts zu lachen hätten. Das Wasser im Hafen wirkt trügerisch ruhig, als würde es nur kurz verschnaufen, bevor es sich draußen wieder in Gischt und Sturm verliert.
Der einzige nicht zu kleine Parkplatz war direkt am Dock – keine Handbreit von der Kaimauer entfernt, ohne jede Absperrung. Links das Wasser, rechts eine halb eingefallene Lagerhalle. Mit unseren Regenmänteln spazierten wir durch den Ort. Zwei Minuten später waren wir durch – und am berühmten Pub O’Sullivan’s, das hier seit Generationen seine Türen für Fischer und Seeleute öffnet.
Wir bekamen einen Tisch, bestellten heißen Tee. An den Nachbartisch wurde gerade ein vielversprechendes offenes Krabbensandwich serviert, und ehe wir uns versahen, waren wir im Gespräch. Wir lieben es, von Einheimischen das Leben eines Landes zu erfahren – durch kleine Beobachtungen, große Fragen und diese beiläufigen Wahrheiten, die überall auf der Welt gleich und doch anders sind. Das Wetter. Die Politik. Immobilienpreise. Jobs. Steuern.
Die Zeit verging mit Sandwich und Gesprächen, später gesellte sich noch ein Guinness dazu, während draußen schwere Regenschauer vorbeizogen – nicht selten von Windböen getrieben und senkrecht gegen die großen Fenster peitschten.
Die Nacht war ruhig – nur wenig Regen, der salzige Geruch des Meeres und das leise Klatschen kleiner Wellen gegen die Kaimauer. Ich schlief wie ein Stein.
Am nächsten Morgen nieselte es, der Nebel hing tief, die Sicht war kaum zehn Meter. Trotzdem fuhren wir zum Mizen Head – eine der spektakulärsten Klippenformationen Irlands, angeblich.
Vor Ort war alles in Nebel gehüllt. Ich ließ die Drohne steigen – auf dem Display: alles Grau. Ich versuchte es zu Fuß. Beim Abstieg zu den Klippen konnte man vage Umrisse erahnen. Nina kochte währenddessen Spaghetti Carbonara im Van. Die Pasta war heiß, die Luft kalt – aber die Stimmung erstaunlich gut. Vielleicht gerade wegen des Nebels.
Wenn die Landschaft lauter wird als wir

















Manchmal spürt man beim Fahren, dass sich etwas verändert – nicht abrupt, sondern leise, fast unmerklich. So war es, als wir die Grenze von Cork nach Kerry überquerten. Die Hügel wurden runder, das Land offener, weniger eingezäunt, weniger „aufgeräumt“. Die Straße verlor an Struktur, der Himmel gewann an Tiefe. Irland wirkte plötzlich weiter – nicht größer, aber freier. Und wilder.
Der Wind hatte zugenommen, der Regen begleitete uns in losen Schleifen. Mal feiner Sprühnebel, der alles weichzeichnete. Dann wieder schwere Tropfen, die an die Scheiben hämmerten wie ungehaltene Gäste. Wir fuhren einfach weiter. Kein konkretes Ziel, nur eine Richtung: Nordwesten. Und das Gefühl, dass irgendwo da vorne Irland vielleicht wieder ein bisschen ursprünglicher wird.
Der Wild Atlantic Way hielt an seiner Linie fest – buchstäblich. Er folgte jeder noch so kleinen Straße, und sei sie noch so sinnlos. Einmal fuhren wir eine halbe Stunde im Kreis und landeten genau an der Abzweigung, von der wir gestartet waren. Wir mussten lachen. Irgendwoher müssen die 2.500 Kilometer ja zusammenkommen, dachten wir uns.
Unser Weg führte Richtung Sheep’s Head – eine schmale, abgelegene Halbinsel zwischen Bantry und dem Atlantik. Doch nach Stunden auf engen Straßen, im Nebel, bei Regen und Gegenwind gaben wir auf. Links: graues Nichts. Rechts: grünes Nichts. Vor uns: ein Wind, der uns fast zurückblies. Also kürzten wir ab. Ein bisschen enttäuscht, aber auch erleichtert. Sheep’s Head war einer dieser Orte, auf die man sich lange freut – und die man am Ende nur von der Landkarte kennt. Nicht jede Straße muss bis zum Ende gefahren werden. Manchmal reicht es zu wissen, dass es sie gibt.
Wir versuchten dem Wild Atlantic Way treu zu bleiben – soweit möglich. Denn ab und zu verschwanden die vertrauten blauen Schilder mit der Wellenlinie. Einfach weg. Kein Hinweis, keine Richtung. Vielleicht waren wir falsch abgebogen. Vielleicht hatte jemand sie einfach abmontiert und als Deko in das eigene Wohnzimmer gestellt. Ich würde es niemandem übelnehmen – hübsch sind sie ja. Wahrscheinlich hatte aber nur Google Maps mal wieder einen Feldweg für eine Straße gehalten und uns mit digitaler Überzeugung mitten durchs Nirgendwo geschickt. Google eben. Ein paar Kilometer später tauchten die Schilder wieder auf – kommentarlos, als wollten sie sagen: Surprise.
Der nächste Abschnitt sollte uns zum Lamb’s Head bringen – doch das Spiel wiederholte sich: Nebel, Wind, Regen. Sicht gleich null. Links Regen, rechts Regen, rundherum Nebel, und unter uns ein schmales Strasse mit der Breite eines Wanderwegs.
In diesen Tagen schliefen wir an wilden Klippenbuchten, auf engen Ausweichstellen oder irgendwo im Nirgendwo. Einmal standen wir auf einer verlassenen Schottergrube mit rostigem Bagger, kreisrund, windumweht – eine Szene wie aus einem Endzeitfilm. Laut Erfahrungsberichten anderer Camper sollte hier eine „wilde Schafherde“ ihr Unwesen treiben. Doch bei dem Wetter hätte ich sie vermutlich nur bemerkt, wenn ich sie angefahren hätte. Die ganze Nacht trommelte der Regen auf unser Dach, gelegentlich so laut, dass an Schlaf nicht zu denken war.
Am nächsten Morgen hatte sich der Platz in einen See verwandelt. Ich hatte ein Online-Meeting, während draußen der Wind am Van rüttelte und der Regen rhythmisch gegen das Blech peitschte. Innen flackerte das WLAN, aber irgendwie hielt es durch. Und mitten im Gespräch bemerkte ich aus dem Augenwinkel: Schafe. Ein gutes Dutzend hatte sich um unseren Van versammelt. Ich konnte sie sehen – und meine Gesprächspartner vermutlich auch.
Ein paar Tage später – es war ein Donnerstag – erreichten wir auf regengetränkten Straßen Kenmare. Bunte Häuschen, kleine Cafés, ein Hauch Leben nach Tagen voller Landschaft. Touristischer als gedacht, aber freundlich. Wir kauften ein, warteten an einer überforderten Supermarktkasse, atmeten durch – und fuhren weiter. Raus aus dem Ort, rauf auf den Ring of Kerry.
Was in Reiseführern aussieht wie eine Panoramastrecke mit Traumblicken, war für uns eine Reise durch die Elemente: Sichtweite unter 30 Metern, Wind, der uns auf die Gegenfahrbahn drückte, und Regen, der waagrecht fiel. Jeder Aussichtspunkt versprach per Schild „spectacular views“ – doch außer grauer Wand war da nichts. Alles, wofür der Ring of Kerry berühmt ist, verschwand im Grau. Vielleicht war es bei Sonne wirklich atemberaubend. Für uns war es einfach: Irland. Unverstellt. Echt.
Und vielleicht war das genau das, was es sein sollte. Kein Insta-Irland, keine Klischees. Sondern ein Land, das einem die Haare zerzaust, das Herz aufräumt und jeden Zentimeter verdient haben will.
Doch ich will ehrlich sein.
Ein paar Tage Regen – kein Problem. Das hier war mehr. Viel mehr. Und so sehr wir uns bemühten, das Beste daraus zu machen, es gab Momente, da kippte die Stimmung. Nicht laut, nicht dramatisch – eher leise, schleichend, so wie der Nebel, der sich jeden Tag aufs Neue über die Hügel legte. Die Klamotten waren seit Tagen klamm, die Schuhe nie ganz trocken, das Wasser im Camper roch leicht abgestanden, und selbst das Lieblingsgeschirr kam uns irgendwann wie aus einem feuchten Keller vor.
Der Van war unser Rückzugsort – aber auch unser einziges Wohnzimmer, Schlafzimmer, Büro und Trockenraum. Und wenn es draußen tagelang ununterbrochen schüttet, dann hilft irgendwann auch kein Tee und keine Playlist mehr.
Die grandiosen Aussichten, von denen man gelesen hatte? Versteckt im Grau. Die spektakulären Küstenstraßen? Rutschig, leer und ohne Aussicht. Und manchmal fragte man sich, warum man sich das überhaupt antut. Es ist leicht, ein Land zu lieben, wenn die Sonne scheint. Die wahre Beziehung zeigt sich erst im Dauerregen.
Und doch: Gerade in diesen Momenten, in denen man nass, müde, leicht genervt und irgendwie grundfrustriert am Lenkrad sitzt, merkt man, was Reisen wirklich bedeutet. Nicht alles ist Postkarten-Idylle. Und manchmal ist das schönste Gefühl am Tag schlicht das: endlich wieder trockene Socken.
Wir wussten, wir würden das später mit einem Grinsen erzählen. Aber mittendrin, da war’s manchmal einfach… viel.
Als wir den Ring hinter uns ließen, wurde die Landschaft sanfter, das Wetter milder. Der Regen machte Pause, der Himmel blieb bleigrau. Wir rollten durch kleine Orte, hielten kaum noch an, redeten wenig. Irgendwo vor Limerick aßen wir einen schnellen Snack im Van, schüttelten die Nässe aus den Jacken und warfen einen Blick auf den Wetterbericht.
Ein Tag Sonne. Nur einer. Danach: Sturm.
Wir wussten, was das heißt.
Weiter. Zu den Cliffs of Moher.
Cliffs of Moher – vom Weg in den Wahnsinn



Manchmal baut sich etwas auf. Langsam, fast unbemerkt. Der Himmel wird heller, die Straßen weiter, die Landschaft weicher. Schafe trotten gemächlich über grüne Hügel, kleine Steinmauern ziehen sich wie Handskizzen durch das Land. Und irgendwo dahinten – das spürt man – kommt sie: die berühmteste Klippe Irlands. Die Erwartungen steigen. Fast automatisch.
Dann plötzlich: Schranken, Busse, Menschenmassen. Hupen, Selfiesticks, schimpfende Kinder, genervte Eltern, Parkplatzwächter mit Warnwesten und Funkgerät. Der erste Eindruck der Cliffs of Moher war… ein Schock.
Es war laut. Es war voll. Es war alles, was wir auf dieser Reise so lange erfolgreich umfahren hatten. Kein Platz zum Anhalten. Kein Platz zum Durchatmen. Die Straße wurde zur Arena, die Natur zur Bühne. Und wir? Wir drehten um – und kamen später wieder zurück. Wir parkten auf dem dafür vorgesehenen Parkplatz, bezahlten dafür ein Vermögen und stapften ein wenig widerwillig den Klippen entgegen. Der Wind blies uns ins Gesicht, der Horizont öffnete sich – und da waren sie: die Cliffs. Im Dunst, im Gegenlicht, im ganz eigenen Licht Irlands. Und ja – sie waren gewaltig. Majestätisch. Erhaben.
Aber in uns war der Moment schon vorbei. Denn alles, was sich vorher aufgebaut hatte – diese leise Vorfreude, das Gefühl – war an einem Parkplatz mit Drehkreuz verpufft. Wer denkt, man könne einfach so Natur erleben, merkt schnell: Das hier ist eine gut geölte Touristenmaschine.
Der eigentliche Klippenweg? Gesperrt. Zu gefährlich, sagte ein Schild. Klettern? Verboten. Ausweichen? Unmöglich. Parken entlang der Straße? Natürlich untersagt. Alles war irgendwie… geregelt. Verwaltet. Gefiltert. Natur light. Mit Souvenirshop.
Wir aßen im Van, atmeten durch. Ich konnte das so nicht stehen lassen – also machte ich mich noch einmal auf den Weg. Der Wind war noch da, aber der Nebel war aufgezogen. Die Sonne blinzelte durch die Wolken, das Licht war dramatisch – für einen kurzen Moment fühlte sich alles wieder richtig an. Ich stand an der Kante, so nah wie es eben erlaubt war, hörte das Donnern der Wellen und blendete alles aus: die Schilder, die Selfie-Posen, die Stimmen. Nur ich, das Licht, der Wind.
Ich machte Fotos. Viele. Und während ich durch den Sucher sah, fragte ich mich, wie dieser Ort wohl früher gewesen sein muss – bevor der große Hype kam. Damals, als noch keine Busse parkten, sondern Schafe. Als Ewan, ein junger Schafhirte, vielleicht einer Magd einen Heiratsantrag machte, ohne ihren Vater vorher um Erlaubnis zu fragen. Einfach, weil das Herz es sagte – und der Wind es mittrug.
Heute war von diesen Cliffs nur noch wenig übrig. Der Blick blieb schön. Aber das Gefühl war geraubt worden – das Gefühl von Stille, von Weite, von einem Ort, der einem ganz allein gehört.
Unser Übernachtungsplatz lag ein paar Kilometer entfernt, ein schlichter Wanderparkplatz irgendwo im Geopark, Richtung Norden – Richtung Galway. Kein Weg, keine Infotafel, keine Attraktion. Nur ein bisschen Schotter, ein weiter Blick und ein Himmel, der langsam in tiefes Grau überging. Ein französischer Camper stand weit hinten, ansonsten war es still.
Aber selbst in dieser Stille dauerte es eine Weile, bis der Tag aus uns raus war. Es war, als müsste man den Lärm erst abschütteln, das Gedränge aus dem Kopf bekommen, die grellen Eindrücke verdauen. Touristenwahnsinn – egal wo auf der Welt – hinterlässt immer Spuren. Nicht nur in Landschaften, sondern auch in einem selbst. Er macht einen eng, fahrig, genervt. Und dann braucht es Orte wie diesen – ohne Eintritt, ohne Beschilderung, ohne Menschen – um langsam wieder offen zu werden. Für das Land. Für die Reise. Für das, was noch kommt. Und während draußen der Regen erneut einsetzte, waren wir still und nachdenklich.





Es ging weiter Richtung Galway – natürlich über den Wild Atlantic Way. Nach den Cliffs fühlte sich jede Kurve ein bisschen wie Therapie an: weniger Menschen, mehr Landschaft. Die Straße zog sich, klar. Kurvig, schmal, typisch Irland. Aber wunderschön – so eine Art „jetzt atmet das Land wieder“-schön.
Irgendwo unterwegs landeten wir in einem kleinen Ort am Hafen. Nicht spektakulär im Sinne von „muss man gesehen haben“, sondern spektakulär im irischen Sinn: ein paar Häuser, ein paar Boote, ein paar Möwen, und dazwischen dieser Atlantik, der immer so tut, als würde er gerade über etwas nachdenken. Die Sonne kam raus, als hätte sie kurz ein schlechtes Gewissen wegen der letzten Tage, und wir machten das, was man im Van-Leben eben macht: improvisieren.
Ein Tunfischbrot. Auf einer Bank. Mit Blick auf schaukelnde Boote.
Und plötzlich fühlte sich alles wie Urlaub an – nicht wie „wir sind seit Wochen unterwegs“, sondern wie dieses echte, leichte Gefühl, das man manchmal verliert, wenn man zu lange im Wetter, im Fahren, im Funktionieren steckt. Der Ort war klein, freundlich, windig. Der Atlantik rauschte, die Häuser wirkten im Sonnenlicht wie Spielzeug – als hätte jemand sie absichtlich so hingestellt, damit sie auf Fotos hübsch aussehen. Und vielleicht war das der Moment, in dem Irland uns kurz wieder dieses Versprechen zuflüsterte: Ich kann auch sanft.
Nina verschwand in einem kleinen Laden und tauchte mit diesem Blick wieder auf, der immer bedeutet: „Ich will etwas, aber ich weiß, dass ich es nicht brauche.“ Eine rote Bialetti hatte es ihr angetan. Wunderschön. Knallrot. Ein kleines italienisches Statement mitten in Irland.
„65 Euro“, sagte sie.
Wir schauten uns an. Dann schauten wir wieder zur Bialetti. Dann wieder zueinander. Und entschieden uns schließlich für Vernunft – was ein bisschen weh tat, aber vermutlich genau die Art von Erwachsensein ist, die man auf Reisen übt. Stattdessen nahmen wir den Moment mit. Und fuhren weiter.
Galway – Musik, Menschen und ein Moment für Pommes




Galway kam nicht leise.
Galway kam wie ein Song, der schon läuft, bevor man überhaupt den Raum betritt. Und – ausnahmsweise – ohne Regen.
Als wir ankamen, steuerten wir den einzigen Parkplatz an, den unsere App als unkompliziert markiert hatte: keine Schilder, keine Verbote, keine Abschleppen. 6,50 Euro – klang fair. Wir standen schon halb in der „Parkticket kaufen“-Bewegung, als plötzlich der Parkwächter auftauchte. Schmal, wettergegerbtes Gesicht, das Lächeln eines Mannes, der schon hundert Diskussionen geführt hat – und trotzdem noch Lust auf Menschen.
„Alles okay hier mit dem Camper?“, fragte ich.
Er grinste.
„It’s okay.“
Er zeigte auf meine Kreditkarte, schüttelte den Kopf und meinte: „No need. Buy yourself a coffee instead.“
Ich stutzte. Das Schild war eindeutig: Ticketpflicht, täglich, ganztägig.
„Why no ticket?“, hakte ich nach.
Seine Antwort war so simpel wie unerwartet:
„Because I’m the only one working today. I’m done for the day. No one else coming. Enjoy Galway.“
Dann nickte er, drehte sich um – und war weg.
Kein Trick. Kein „aber nur wenn“. Nur ein Mensch, der sich dachte: Heute reicht’s. Sollen sie einfach einen schönen Tag haben.
Wir gingen los Richtung Stadt – und Galway war … voll.
Nicht „ein paar Touristen“, sondern dieses vibrierende, warme Gedränge, das sich sofort richtig anfühlt. Straßenkünstler spielten, irgendwo sang jemand, es roch nach Fritteuse, Sonnencreme und Guinness. Touristen und Einheimische mischten sich so selbstverständlich, dass man gar nicht mehr unterscheiden konnten. Kinder mit Eis. Rentner mit Pint. Junge Leute mit Musik im Kopf.
In einer Seitenstraße bereitete gerade eine Band ihren Auftritt vor. Vier Männer. Einer mit rotem Bart und einem Kontrabass, der größer war als er selbst. Ein anderer mit Geige. Dazu ein Gitarrist – und ein Cajón-Spieler, der aussah wie ein Türsteher aus einem Piratenfilm: tätowierte Unterarme, massive Schultern, das Gesicht wettergegerbt, die Stimme rau wie ein Tresen um vier Uhr morgens.
Als er zu singen begann, war es, als hätte jemand den Soundtrack gewechselt. Kein glattgebügelter Straßenmusik-Sound – das hier klang nach echten Nächten, nach Geschichten, nach Leben. Die Geige fiel ein wie eine Erinnerung, die Gitarre legte den Teppich drunter, der Bass trug alles sanft durch die Straße.
Die Straße hielt kurz den Atem an.
Gespräche verebbten. Menschen blieben stehen. Kinder hörten auf zu zappeln. Eine Frau stellte ihre Einkaufstaschen ab und zog mit fließender Bewegung ihr Handy hervor. Einer nach dem anderen wurde Teil dieses kleinen Straßenmoments.
Vor der Band lag ein Gitarrenkoffer. Kein Schild, keine CD. Nur Musik. Und ehrlich gesagt: Diese vier hätten jede Bühne füllen können.
Wir blieben lange stehen und lauschten und wippten. Die Musik hatte nichts Glattes, nichts Inszeniertes. Sie klang nach Holz und Saiten, nach Fingern, die wissen, wo sie hingehören, und nach Stimmen, die nicht gefallen wollen, sondern erzählen. Die Geige schnitt sich durch die Luft, mal klagend, mal treibend, während der Rhythmus fest und stoisch auf dem Pflaster lag – wie Schritte, die man schon tausendmal gegangen ist. Es war diese Art von Musik, die nicht im Kopf beginnt, sondern in den Füßen. Man hörte Wind, Regen, lange Abende, verlorene Pints und gewonnene Nächte. Und ehe man es merkte, stand man mittendrin, ohne zu wissen, wie lange schon.
Galway fühlte sich an, als hätte jemand eine Küstenstadt mit einem Festival gekreuzt – laut, lebendig, ein bisschen verrückt. Aber nie aufdringlich. Eher so, als wüsste die Stadt genau, wann sie loslegen muss – und wann es reicht, einfach laufen zu lassen.
Wir holten uns Pommes von einem kleinen Stand, der „die besten Irish Chips“ versprach. Normalerweise ignoriere ich solche Sprüche – meistens steht da „best“ und man bekommt dann so mittel. Aber diesmal? Keine Übertreibung. Außen knusprig, innen weich, perfekt salzig. So eine Portion, bei der man nach der Hälfte sagt: „Das war jetzt wirklich genug.“ Und sie dann trotzdem ganz aufisst.
Wir schlenderten über den Markt, durch enge Gassen, vorbei an bunten Läden und handgemachten Dingen, die entweder wahnsinnig schön oder wahnsinnig unnötig waren – manchmal beides gleichzeitig.
Am Abend standen wir wieder beim Van. Und während Galway draußen weiterbrummte, machte Nina drinnen das, was sie am besten kann, wenn wir irgendwo „zu viel“ erlebt haben: Sie kochte uns zurück in die Ruhe.




Weiter nach Norden



Ich genoss draußen noch die letzten warmen Sonnenstrahlen und ließ den Tag einfach ausklingen. Wir fuhren weiter, dem Wild Atlantic Way entlang. Die Sonne verschwand nach wenigen Momenten hinter dichten Wolken, die sich schwer und tief über die Landschaft legten. Die Sicht wurde diesig, und alles verwandelte sich wieder in dieses typische irische Grau-Grün, das wir inzwischen so gut kannten.
Wir passierten Orte wie Leagun, Leenaun, Westport, Mallaranny – stets im wabernden Nebel, immer begleitet vom Regen. Mal stärker, mal schwächer, mal von oben, mal direkt von vorn, manchmal sogar gefühlt von unten. In Westport regnete es so heftig, dass weder Regenjacke noch Schirm irgendetwas ausrichten konnten. Als wir zurück zum Van kamen, war alles nass. Unsere Klamotten, unsere Laune – selbst Rusty wirkte müde. Also fuhren wir weiter, raus aus dem Regen, in der Hoffnung auf ein kleines Wunder. Und tatsächlich: Wenig später fanden wir einen kleinen, versteckten Parkplatz direkt am Strand.
Ein niederländisches Paar in einem Camper stand bereits dort, ebenso ein irischer Truckcamper. Genug Platz für alle. Wir stellten uns quer in die Wiese, keine zehn Meter vom Meer entfernt. Der Sand war hell, der Himmel wurde langsam heller, das Rauschen der Wellen klang wie ein Versprechen.
Wir blieben im Van, schauten aufs Wasser und machten es uns warm. Draußen wurde es dunkel – aber zum ersten Mal seit Tagen nicht grau.
Am nächsten Morgen wachten wir mit Sonne auf. Die Wellen nur ein paar Meter entfernt, das Licht noch weich, der Wind kaum spürbar. Einer dieser Tage, die das Camperleben so besonders machen – wenn du morgens die Tür öffnest, barfuß hinaustrittst, verschlafen, aber glücklich, und direkt aufs Meer blickst. Wir frühstückten draußen. Es ging ein kühler Wind, aber Rusty stand perfekt, und so war es einfach nur schön.
Später kamen wir ins Gespräch mit unseren niederländischen Nachbarn: Mark, Kerri und ihr siebenjähriger Sohn Flynn. Sie waren seit zwei Wochen unterwegs – jedes Jahr nehmen sie sich sechs Monate Camperzeit. Und obwohl wir selten Vollzeitreisenden begegnen, sind wir auch bei Reisenden die länger unterwegs sind immer neugierig, wie sie ihren Alltag erleben, finanzieren und am wichtigsten was der Grund für das andere Leben war und ist. Mark verlegt sein eigenes Magazin – über Kaffee, Tee und Schokolade – und arbeitet dafür unterwegs. Zumindest für ein halbes Jahr. Fantastisch.
Ihren Sohn Flynn unterrichten sie selbst – seit drei Jahren. Eine Sonderregelung in den Niederlanden macht das möglich. Es klang nach einem Leben, das nicht unbedingt einfach, aber sehr bewusst gewählt war. Wir saßen auf der Bank vor ihrem Van, tranken gemeinsam Kaffee und genossen den Blick aufs Meer, das nur ein paar Schritte entfernt lag.
Wir verbrachten den ganzen Tag am Strand, der sich scheinbar endlos in beide Richtungen zog, so weit das Auge reichte, ohne Unterbrechung. Wir waren fast allein; nur manchmal tauchte ein irisches Auto auf, aus dem jemand mit einem Hund ein Stück des Strandes entlangging. Etwa eine halbe Stunde den Strand hinunter endete der Sand und machte schwarzen, terrassenförmigen Schieferplatten Platz. Wir fanden einen windgeschützten Platz, legten uns auf den warmen Stein und hörten nur noch den unbändigen Atlantik, der durch die Platten hallte, wenn sich Welle um Welle daran brach. Es war einer dieser Momente, die sich lebendig anfühlen – die Zeit zog sich wie Sirup, und am Ende des Tages hatten wir das Gefühl, mehrere Tage erlebt zu haben.
Und weil das Wetter hielt, blieben wir noch eine Nacht länger. Doch dann hatte Irland genug von der Sonne: Schwere Wolken hingen plötzlich wieder tief, und der Regen begann – ganz selbstverständlich, als wäre er nie weg gewesen.
Wir fuhren weiter Richtung Norden. Es ging vorbei an Sligo in Richtung Donegal. Unterwegs stoppten wir unter anderem bei der Drumcliff Church, wo W. B. Yeats begraben liegt – oder besser: zum zweiten Mal. Gestorben in Südfrankreich, Jahre später umgebettet. Die Kirche lag friedlich in der Sonne, das Grab schlicht, der Friedhof fast menschenleer.
Kurz vor Donegal hielten wir noch am Streedagh Beach – ein langer, weiter Sandstrand mit sanften Dünen und eiskaltem Wind. Die Sonne war überraschenderweise da, aber der Wind fraß sie sofort wieder auf. Trotzdem stellten wir uns draußen in den Windschatten und versuchten, ein bisschen Wärme zu speichern. Wir hielten noch an ein paar weiteren Stränden – Murvagh Beach etwa, versteckt hinter einem Kiefernwald, fast menschenleer.
Und Donegal? Zeigte sich natürlich wieder im Regen. Als könnte es gar nicht anders.
Fortsetzung folgt...
Im nächsten Teil nehmen wir euch mit in den Norden: nach Derry und Belfast, durch Nebel, Geschichte und eine unerwartete Begegnung mit einem alten Freund. Und am Ende wartet der Abschied – leise, aber voller Geschichten.
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Hi, ich bin Jay. So kraftvoll wie in diesen letzten Jahren ist mir das Leben noch nie begegnet und es darf mich nicht wundern, dass ich das Reich von schnellen und unpersönlichen Geschäften und dem Erfüllen der Erwartungen der Gesellschaft hinter mir gelassen habe. Ich habe mein Sakko gegen Wanderkleidung und Shorts getauscht, das Aftershave gegen Insektenspray und mein Auto gegen einen Camper.
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