Geschichte, Geburtstage & der Abschied
Eine Irlandreise - Teil 3

















Nordirland
Gestützt auf seinen Gehstock blieb er mitten auf der Brücke stehen. Der Wind, feucht vom nahen Atlantik, fuhr ihm durch die langen, grauen Haare und den noch immer dichten Bart. Seine Mütze trotzte den Windböen. Unter ihm zog der River Foyle träge seine Bahn – wie ein breites, dunkles Band, das die Stadt in zwei Hälften schnitt. Und manchmal, so schien es, auch die Zeit.
Er blickte hinunter ins Wasser. Es war ein typischer Junimorgen, spät im Monat, schwer mit versprochenem Regen. Der Himmel matt, das Licht stumpf wie altes Silber. Von hier oben sah man fast die ganze Stadt: die Mauern, die Türme, die grauen Reihenhäuser, die sich an die Hügel schmiegten. Es war still. Er hatte diese Brücke tausend Mal überquert. Früher, in den 70ern, als junger Mann, war sie für ihn eine Linie gewesen – eine, die man nicht leichtfertig überschritt. Auf der einen Seite das protestantisch geprägte Waterside. Auf der anderen das katholische Bogside, wo er geboren worden war.
Damals konnte ein falscher Blick genügen. Eine falsche Straße, zur falschen Zeit. Menschen verschwanden. Bomben explodierten in der Nacht. Die Stadt sprach leise – oder gar nicht. Man gewöhnte sich an das Zucken bei jedem Knall, an das Wegsehen, an den Gedanken: Hoffentlich war’s keiner von uns.
Jetzt, Jahrzehnte später, stand er wieder hier. Und sah, wie ein junges Paar mit Kinderwagen lachend an ihm vorbeiging. Auf den ersten Blick war alles anders. Cafés an den Ufern. Touristen mit Kameras. Und die Friedensbrücke, auf der er stand, spannte sich kühn und elegant über das Wasser – als wolle sie sagen: Schaut her. Es ist vorbei.
Aber er wusste es besser. Frieden war kein Zustand. Frieden war eine Entscheidung, die man immer wieder neu treffen musste.
Er legte eine Hand aufs kalte Geländer – als wollte er sich vergewissern, dass alles wirklich da war: die Brücke, die Stadt, die Stille.
„Wir haben überlebt“, murmelte er leise. Dann ging er weiter. Schritt für Schritt, wie damals – aber mit einem anderen Ziel.
Er kam näher, der Gehstock klackte hohl auf dem Metall, und er passierte uns in Armeslänge. Ich hatte den alten Mann beobachtet, und in meinem Kopf hatte sich diese Geschichte zusammengesponnen – aus Gesichtern, Fragmenten, Murals. Von der Geschichte dieser Stadt. Von den Schicksalen, die sie erlebt hatte.
Die Peace Bridge war das Symbol der Versöhnung. Gebaut nach dem Good Friday Agreement von 1998. Ein filigraner Bogen über trübes Wasser, nass glänzend im Regen. Wir standen einen Moment still. Der Fluss war einst die symbolische Grenze zwischen den protestantischen Unionisten und den katholischen Republikanern. Die IRA auf der einen Seite, die britische Armee auf der anderen.
Derry – oder Londonderry, wie sie offiziell heißt – begrüßte uns nicht mit offenen Armen. Eher mit einem prüfenden Blick. Eine Stadt, die einem nicht sofort alles erzählt. Die Geschichte hier klebt nicht auf bunten Hinweistafeln. Sie liegt tiefer – in den Gesichtern, in der Stille zwischen den Worten, in den Wandgemälden, die ganze Kapitel zeigen.
Wir folgten dem Flussufer, dort, wo die Stadt sich langsam öffnet. Cafés, Galerien, bunte Türen. Aber auch leerstehende Fassaden. Risse im Putz. Ein Ort zwischen Altlast und Aufbruch. Die Pubs hatten noch zu, die Cafés auch. Der Wind wurde stärker, der Regen dichter. Zeit weiterzufahren.














Im wolkenbruchartigen Regen fuhren wir Richtung Belfast.
Etwa zwei Stunden vorher: Ping. Eine Nachricht. Von Jan.
Unser verschollener Freund.
Seit Monaten hatten wir nichts mehr von ihm gehört. Jetzt entschuldigte er sich: viel zu tun. Er hatte auf einem Kreuzfahrtschiff angeheuert, um Geld für die Weiterreise zu verdienen – und war gerade dabei, mit einer Fahrradgruppe durch die Stadt zu radeln. Durch welche Stadt?
Belfast.
Unglaublich.
Wir schrieben zurück: Wir sind auch in Belfast. Lass uns treffen!
Belfast wirkte auf den ersten Blick wie eine typische britische Stadt:
FatFace, H&M, M&S, Pubs, Beton. Kaum ein sichtbares Zeichen der einstigen Konflikte. Die Geschichte schien hinter Glas zu liegen – aufgeräumt, eingeordnet. Nur die leerstehenden Häuser, eingestürzten Dächer und zerfallenen Backsteinwände in manchen Nebenstraßen erinnerten leise daran, dass hier mal etwas ganz und gar nicht in Ordnung war.
Das Wetter verschärfte sich.
Ein Wind wie ein Vorschlaghammer. Regen waagrecht. Der Schirm klappte sofort nach außen. Ich hielt ihn mit beiden Händen – es half nichts. Wir retteten uns in ein kleines Café, tranken einen Cortado – der beste Milchschaum seit Langem, cremig, kräftig, kunstvoll gegossen. Teuer. Aber in dem Moment: Gold wert.
Dann kam Jan’s Antwort.
Er hatte gerade Pause. Schickte seinen Standort.
Wenig später standen wir vor ihm – umgeben von seiner Radgruppe und einigen Kreuzfahrtgästen. Vor einem Pub. Ein kurzer Moment der Stille. Dann eine lange Umarmung – echt, fest, fast erleichtert.
Diese Art von Freude erlebt man nicht oft:
Sich zufällig, in einer anderen Stadt, in einem anderen Land, zu treffen – das ist mehr wert als jeder Plan.
Wir redeten kurz, lachten, hielten das Gespräch leicht. Fünfzehn Minuten später musste er zurück aufs Schiff. Gäste begleiten.
Wir verabschiedeten uns – zurück in den Regen.
Und es fühlte sich gleichzeitig ganz normal und völlig besonders an.
Nach dem Treffen mit Jan ließen wir uns weiter durch Belfast treiben. Der Regen – fast so, als hätte er kurz Mitleid – machte eine Pause. Die Wolken zogen zwar nicht ab, aber sie hielten still. Und das reichte uns.
Wir starteten mit einem Spaziergang durch das Cathedral Quarter – enge Gassen, Backsteinwände voller Street Art, kleine Pubs, die noch geschlossen waren, und dazwischen immer wieder bunte Türen, die wirkten, als hätte sie jemand absichtlich in Kontrast zur Stadt gemalt. Zwischen den Wänden hängt hier nicht nur Kunst, sondern auch Geschichte. Es ist ein Viertel mit Charakter – ein bisschen rau, aber lebendig.
Weiter ging’s zur St. Anne’s Cathedral, ruhig und imposant, eingebettet in eine moderne Umgebung. Keine Kathedrale, die sich aufdrängt – eher eine, die bleibt. Wir blieben einen Moment auf den Stufen sitzen, tranken Tee aus der Thermoskanne und beobachteten das Kommen und Gehen.
Dann machten wir uns auf in Richtung Titanic Quarter. Die Wege wurden weiter, die Stadt moderner. Dort, wo einst das berühmteste Schiff der Welt vom Stapel lief, steht heute ein neues Belfast – eine Mischung aus Denkmal, Architektur und futuristischer Stadtentwicklung. Alte Kräne ragen noch immer in den Himmel, als wollten sie sich erinnern.
Das Titanic Museum selbst ließen wir aus – wir wollten nicht rein, sondern draußen sein. Stattdessen spazierten wir über das weitläufige Gelände, vorbei an rostigen Schienen, eingelassenen Schriftzügen im Beton, und diesem riesigen Rumpf-Schatten auf dem Boden, der zeigt, wie groß die Titanic wirklich war. Alles wirkte offen, weit – und doch schwer. Die Geschichte liegt hier nicht hinter Glas, sie liegt in der Luft. Nicht aufdringlich, aber spürbar.
Auf dem Rückweg machten wir noch einen kleinen Umweg zur Albert Memorial Clock, Belfasts schiefer Antwort auf den schiefen Turm von Pisa. Sie neigt sich sichtbar zur Seite – ein Überbleibsel aus Zeiten, in denen hier auf sumpfigem Boden gebaut wurde. Die Uhr schlägt noch, als wäre nie etwas gewesen.
Wir beendeten unseren Spaziergang an den bunten Glasfassaden des Victoria Square. Eigentlich nur ein Einkaufszentrum – aber mit einer riesigen Glaskuppel, von der aus man einen beeindruckenden Blick über die Dächer der Stadt hat. Wir fuhren mit dem Aufzug hoch, standen im Rund, schauten über die Stadt – und hielten kurz inne. Belfast lag uns zu Füßen: Backstein, Glas, Kräne, Hügel in der Ferne. Und für einen Moment war alles ruhig.
Belfast zeigte sich für ein paar Stunden von einer sanften Seite. Keine Sonne, aber auch kein Regen. Ein seltsamer Frieden – wie ein Moment zwischen zwei Atemzügen.

















Der stille Süden: Geburtstagsfrieden & der Wicklow-Moment







Es gibt einen Ort in Irland, der angeblich das beste Wetter der ganzen Insel für sich beansprucht. Vielleicht bekommt der Rest deshalb so wenig davon. Vielleicht waren wir also doch nicht schuld am miesen Wetter – after all. Und wir waren sonnenhungrig. Also machten wir uns auf den Weg zu diesem magischen, sonnenverwöhnten Fleck an der Südostküste: Wexford.
Wir starteten spät, etwas südlich von Belfast, und fuhren in Richtung Süden. Ich war dankbar, dass Irland so winzig ist und die Fahrt entlang der Ostküste laut Google Maps nur vier Stunden dauern sollte. Naja. Google hatte wohl den Schwerverkehr rund um Dublin nicht mitgerechnet. Am Ende wurden es fast sieben Stunden, bis wir endlich in Wexford ankamen – genauer gesagt: am Cahore South Beach. Unser Zuhause für die nächsten Tage.
„Happy Birthday, meine Prinzessin“, sagte ich noch, bevor wir spät in der Nacht unter die Decke krochen und der Schlaf uns einholte.
Der Morgen begann langsam. Ich sang leise Happy Birthday, während draußen die ersten Sonnenstrahlen über das Meer krochen. Nina grinste noch im Halbschlaf. Keine große Feier, kein Kuchen mit Kerzen – dafür ein fast leerer Parkplatz direkt am Strand, Meeresrauschen, klare Luft und Zeit. Und das war in dem Moment eigentlich alles, was zählte.
Es war trocken, windstill, warm – das erste Mal seit einer gefühlten Ewigkeit. Der Sand war weich, das Wasser kühl, die Sonne erstaunlich kräftig. Ein wunderbarer Tag. Wir spazierten den endlosen Strand entlang, der laut Auskunft eines Locals 40 Kilometer nach Süden verlaufen sollte. Später tranken wir ein Guinness in der kleinen Marina-Bar mit Blick aufs Meer, sprachen über vergangene Geburtstage, über das, was war – und was noch kommt. Für ein paar Stunden hatte der Tag genau die Leichtigkeit, die man sich zum Geburtstag wünscht. Keine Geschenke, keine Torte – aber Sonne, Meer und ein warmes Gefühl.
Nach ein paar Tagen änderte sich die Stimmung – nicht wegen des Wetters, sondern wegen des Campingverhaltens. Der Strandparkplatz verwandelte sich langsam in eine Art Festivalgelände. Zelte wurden aufgebaut, riesige Grills, Badminton- und Boccia-Felder. Manchmal wurde so dicht geparkt, dass wir unsere Tür kaum noch öffnen konnten. Es wirkte, als wären plötzlich alle Iren von überall hierhergekommen, um ihren Sommer zu feiern.











Nach einer Woche Sonne war dann auch Schluss mit Sommer. Die Wettervorhersage: übel. Also nutzten wir die nächsten Tage, um noch in die Wicklow Mountains abzutauchen – Irlands raues Rückgrat, nur eine Stunde südlich von Dublin und doch eine ganz eigene Welt.
Die Straßen wurden schmaler, die Landschaft weiter. Wiesen, die sich wie Wellen über sanfte Hügel zogen. Schafe, die mitten auf der Straße standen, als hätten sie alle Zeit der Welt. Heidekraut, das wie ein violetter Schleier über den Hängen lag. Und dazwischen immer wieder kahle, steinige Flächen – still, windumtost, weit.
Wir übernachteten irgendwo inmitten dieser Einsamkeit. Keine Zäune, keine Nachbarn. Nur der Wind, der sanft über die Hügel strich, und das leise Blöken der Schafe in der Ferne. Es war einer dieser Plätze, an denen man nicht viel sagen muss – weil die Stille schon alles erzählt.
Tagsüber fuhren wir über den Sally Gap, eine der bekanntesten Panoramastraßen der Region – durch sattgrünes Hochland, vorbei an Torfmooren, kleinen Seen und endlosen Steinmauern, die sich wie handgezeichnet durch die Landschaft ziehen. Das Wetter war wechselhaft wie immer: Sonne, Nebel, Niesel, dann wieder Sonne.
Unser Ziel: Glendalough, das berühmte Klostertal im Herzen der Wicklow Mountains. Schon bei der Anfahrt öffnete sich das Tal langsam – eingerahmt von bewaldeten Hängen, durchzogen von einem kleinen Fluss, der sich seinen Weg zwischen alten Steinen und moosbewachsenen Baumstämmen bahnte.
Glendalough ist einer dieser Orte, an denen Geschichte spürbar wird – nicht nur sichtbar. Gegründet im 6. Jahrhundert vom Heiligen Kevin, war es einst ein Rückzugsort für Mönche, ein Ort der Stille, der Spiritualität. Heute sind es vor allem Touristengruppen, Selfiesticks und Reisebusse.
Die alten Mauern, die berühmten Rundtürme, die verwitterten Grabsteine, auf denen der Regen Geschichten zu erzählen scheint – sie standen einfach da, als hätten sie die Zeit längst überdauert. Wir ließen uns treiben, gingen vorbei an der Lower Lake, dann hinauf Richtung Upper Lake, wo der Wald dichter wird und der Lärm langsam nachlässt. Zwischen Farnen, alten Eichen und kleinen Wasserläufen spürte man wieder, warum dieser Ort einst als heilig galt.
Wir blieben lange. Saßen auf einem bemoosten Stein, sahen hinunter ins Tal, hörten dem Wind zu – und sagten eine Weile nichts. Dann gingen wir langsam zurück.










Der Abschied: Rosslare & die Rückfahrt
Der Abschied kam leise. Kein großes Finale, kein dramatischer Sonnenuntergang über den Klippen. Nur ein ruhiges Einpacken am letzten Morgen, ein letzter Blick aufs Hochland, ein kurzes Zögern, bevor der Zündschlüssel gedreht wurde.
Wir fuhren nach Rosslare, zum Fährhafen. Der Himmel war wolkig, aber trocken. Kein Wind. Kein Regen. Fast verdächtig ruhig – als würde Irland sich diesmal zurückhalten.
Die Überfahrt war gebucht. Die Stimmung: gemischt. Abschied fällt nie leicht, vor allem nicht von einem Land, das man nur halb verstanden hat. Irland war widersprüchlich gewesen. Offen und verschlossen. Laut und leise. Freundlich und distanziert. Und das Wetter … das Wetter hatte ohnehin sein ganz eigenes Narrativ.
Wir reihten uns in die Schlange der wartenden Fahrzeuge ein. Wohnmobile aus Frankreich, ein paar Lieferwagen, einige Iren mit Kombis voller Zeug. Alle warteten auf das Boarding. Routine, irgendwie. Und doch lag in der Luft diese stille Müdigkeit, die sich nach Wochen unterwegs einstellt. Nicht erschöpft – sondern voll. Voll von Eindrücken, Geschichten, Landschaften.
Was bleibt, sind keine einzelnen Highlights. Es ist das Ganze. Die Dichte. Die Mischung aus feuchten Klamotten, Marillenknödeln, Schafen auf der Straße, irischem Tee, dunklem Bier, sehr hellen Menschen – und sehr dunklem Humor.
Wir kamen nach Irland, um es zu umrunden. Um es zu erleben, vielleicht sogar zu verstehen.
Und wir fuhren zurück mit dem Gefühl:
Wir haben es nicht ganz verstanden. Aber wir waren da.
Und das reicht.
Wir suchten uns einen ruhigen Platz. Mit einem leicht besorgten Blick schaute ich hinaus auf die schwarzen Wolken über dem Meer.
„Wird schon nicht so schlimm werden“, flüsterte ich mir selbst beruhigend zu.
Ich hatte ja keine Ahnung …




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Hi, ich bin Jay. So kraftvoll wie in diesen letzten Jahren ist mir das Leben noch nie begegnet und es darf mich nicht wundern, dass ich das Reich von schnellen und unpersönlichen Geschäften und dem Erfüllen der Erwartungen der Gesellschaft hinter mir gelassen habe. Ich habe mein Sakko gegen Wanderkleidung und Shorts getauscht, das Aftershave gegen Insektenspray und mein Auto gegen einen Camper.
2 Comments
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Danke, euch Lieben! Uns macht es sehr happy, dass ihr ein Teil von unserer Geschichte seid und mit eintaucht....Liebe Grüsse nach South Africa!
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Thomas & Biggi
Reisepoesie pur...Meine Lieblingsstelle "Es war einer dieser Plätze, an denen man nicht viel sagen muss – weil die Stille schon alles erzählt." Bitte weiter so , freuen uns schon auf den nächsten Blog ....Viele Grüsse Thomas & Biggi