Road Trip

Fremde sind nur Freunde, die du noch nicht getroffen hast

Es gibt etwas Magisches an der offenen Straße. Sie führt uns nicht nur an neue Orte, sondern oft auch zu neuen Menschen, die unsere Reise auf unerwartete Weise verändern können. Dies ist eine solche Geschichte.
 
Wir waren am Anfang unserer Alaska-Erkundung, kurz vor Fairbanks. Gerade hatten wir den Yukon und das mächtige Kluane-Gebirge hinter uns gelassen und einen dieser fantastischen Plätze für unseren Camper Pepe gefunden – direkt am breiten Kiesufer in einer Flussbiegung. Wir verbrachten zwei wunderbare Tage am Flussufer, genossen die Sonne und ruhten uns aus, bevor es weitergehen sollte. Dabei beobachteten wir eine Lachs-Zählstation und die monotone, beinahe meditative Arbeit, die die Freiwilligen hier leisteten.

Bei unserem morgendlichen Spaziergang trafen wir auf Jan, einen Weitstreckenradfahrer. Sein Fahrrad war schwer beladen, seine Kleidung zeugte von vielen Tagen auf der Straße, und sein breites Lächeln verriet eine Art von Abenteuerlust, die wir nur von wenigen Menschen kennen.
 
Wir sagten “Hallo“.
Vor einigen Wochen hatte er am nördlichsten Punkt Alaskas, am Polarmeer, seine Reise mit dem Rad begonnen. Seitdem radelte er bei Regen, Sonnenschein (meistens im Regen) und ewiger Helligkeit die undankbare Strecke des Dalton Highways in Richtung Süden. Wie weit nach Süden? Ganz nach Süden. Bis zur kanadischen Grenze? Nein, noch weiter nach Süden. Durch ganz Kanada oder sogar der ganzen USA? Nein, noch viel weiter nach Süden. Etwa 26.000 Kilometer weiter südlich – bis nach Ushuaia an der Südspitze Argentiniens. Das ist die Strecke der Panamericana, der quasi längsten Straße der Welt. Das ist ein weiter, weiter Weg.

Wir unterhielten uns und tauschten Geschichten aus, doch nach einer Stunde trieb es Jan weiter. Die tägliche Routine hält einen Weitradfahrer auf der Straße. Alles war ein Zusammenspiel aus Training, Belastbarkeit und vor allem im Norden der Versorgung mit Nahrung. Es gab Abschnitte, in denen ein Weitradfahrer Proviant für eine Woche auf seinem Rad mitnehmen musste. Das ist eine Menge Gewicht, das zusätzlich bewegt werden musste.
 
Wir fuhren in verschiedene Richtungen, winkten uns zum Abschied und wussten irgendwie, dass dies nicht das letzte Mal sein würde, dass wir uns begegneten. Der Abschied war ein leises Versprechen, das irgendwo zwischen einem Winken und einem Lächeln schwebte.

Und dann trafen wir uns wieder ...

Einige Wochen später – wir waren zurück von unserem Alaska-Abenteuer und wieder im Yukon, Kanada. Nur ein paar Meilen nach Whitehorse sahen wir ihn plötzlich wieder – am Straßenrand, mitten im Nirgendwo, in die Pedale tretend. Wir fuhren an ihm vorbei und hielten an der nächsten Ausweichstelle an.

Jan hatte abenteuerliche Tage hinter sich. Eines dieser Erlebnisse beinhaltete ein Zelt mitten im Nirgendwo und einen Grizzly, der nur einen Meter von der hauchdünnen Zeltwand entfernt sein Unwesen trieb. Beide kamen mit einem Schrecken davon, doch war dies ein Erlebnis, das auch anders hätte ausgehen können. Wir hatten in diesem Sommer bereits einen Campingplatz passiert, der gesperrt war, weil ein Mann von einem Grizzly angefallen und fast getötet worden war. So niedlich diese plüschigen Tiere auch aussehen mögen – mit ihnen ist nicht zu spaßen.
Jan
"everything is up there"
Signpost Forest

Fremde sind nur Freunde, die du noch nicht getroffen hast

Möchtest du ein Stück mit uns fahren?“, fragten wir Jan, und er sagte kurzentschlossen zu. Da die meisten unserer Sachen auf der Rückbank lagen und es dort keinen wirklichen Platz mehr gab, saßen wir alle drei vorne: Ich am Steuer, Nina in der Mitte und Jan auf dem Beifahrersitz. Das Rad verstauten wir vorsichtig auf dem Dach und die Radtaschen im Camper selbst.
 
Mit Jan im Schlepptau begann eine Reise, die sich über mehr als 2.000 Kilometer erstrecken würde. Wir tauschten Geschichten, Träume und Momente ehrfürchtigen Schweigens aus, während die atemberaubende Landschaft an uns vorbeizog. Jan erzählte uns von seiner ersten Radreise von Deutschland nach Indien, seiner anschliessenden einjährigen Pilgerreise durch Indien und von seinem Leben in Japan.
 
Nach seinem Leben in Japan versuchte er sich im „normalen“ Leben auf Ibiza, seiner Insel. Doch schon bald durstete es ihn nach dem nächsten Abenteuer, und er startete zu dieser Reise.
 
Jan sprach viele Menschen an, die wir auf unserer gemeinsamen Reise begegneten. Er hat eine ansteckende Energie und hinterließ überall eine Spur aus Lachen und freundlichen Begegnungen. Wie auch uns, hatte die Straße Jan gelehrt, dass jeder Mensch etwas zu bieten hat – eine Geschichte, eine Perspektive, eine kleine Geste der Freundlichkeit. Es war wunderschön zu beobachten, wie er ohne Zögern auf andere zuging, als würde er diese Menschen schon kennen.
 
In manchen Nächten, wenn wir unter den Sternen campten und uns ein wunderbares Abendessen am Lagerplatz teilten, erzählte uns Jan von der Freundlichkeit, die ihm auf seinem Weg begegnet war: Fremde, die ihn in ihr Zuhause eingeladen hatten, Menschen, die kaum selbst genug hatten und dennoch mit ihm teilten. Er war einer dieser Menschen, ein Reisender, die zeigten, wie einfach es sein kann, sich mit anderen zu verbinden, wenn man offen dafür ist.
 
Über diese 2.000 Kilometer hinweg wurden wir mehr als nur Reisebegleiter. Wir lachten, teilten Geschichten und lernten, dass Freundschaft manchmal auf nichts weiter als dem gemeinsamen Weg entlang einer endlosen Straße basieren kann.
Der Weg leert uns, der Welt mit offenen Armen und ein bisschen Mut zu begegnen – und darauf zu vertrauen, dass manchmal die besten Abenteuer mit einem einfachen „Hallo“ beginnen.
 
Wir verabschiedeten uns kurz vor einem kleinen Ort, etwa zwei Autostunden nördlich von Vancouver. Nach den vielen Tagen auf so engem Raum fühlte sich der Abschied surreal an. Wir hatten so viel geteilt, und doch würden wir jeweils unsere Reise allein fortsetzen, mit freudiger Erwartung was hinter der nächsten Kurve liegen würde. Er winkte zum Abschied mit demselben leichten Lächeln, das uns damals auf dem Platz am Fluss aufgefallen war. In diesem Moment war er ein Teil unseres Lebens und unserer Geschichte geworden – ein Zeichen dafür, dass Freunde überall warten, wenn wir uns die Zeit nehmen, anzuhalten und „Hallo“ zu sagen.
 
Also heben wir das Glas auf die Jans dieser Welt – die Fremden, die wir noch nicht getroffen haben, und die darauf warten, auf unserer Reise Freunde zu werden!
The bike is securely mounted on the roof.
Alaska
a camp in nowhere

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Hi, ich bin Jay. So kraftvoll wie in diesen letzten Jahren ist mir das Leben noch nie begegnet und es darf mich nicht wundern, dass ich das Reich von schnellen und unpersönlichen Geschäften und dem Erfüllen der Erwartungen der Gesellschaft hinter mir gelassen habe. Ich habe mein Sakko gegen Wanderkleidung und Shorts getauscht, das Aftershave gegen Insektenspray und mein Auto gegen einen Camper.

4 Comments

  • Hallo ihr Lieben Was soll ich sagen, vertieft in euren Worten und Abenteuern, verwundert, voll Freude. Beneidenswert und voller Respekt. Ich freu mich suf mehr. Glg u Drücker Gerhard

  • Jörg Esenwein

    Hallo ihr beiden, schön von euch zu lesen! Ja, diese Art von Reisenden trifft man , wenn man selbst offen für "fremde"Reisende ist. Kann mich hier voll reinfühlen. Solche Positive Menschen wie Jan kommen immer weiter. Ganz lieber Gruß Jörg

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