Road Trip

Wind, Wellen und neue Freunde – Geschichten von unserer ersten Kreuzfahrt

Meine Knie leicht gebeugt, mein Stand breit, fast wie ein Cowboy. In meiner rechten Hand ein Schläger, der aussieht wie das uneheliche Kind eines Tennisschlägers und eines überdimensionierten Tischtennisschlägers. Kein Rahmen, keine Bespannung. In meiner anderen Hand: ein quietschgelber Plastikball mit mehr Löchern als ein Schweizer Käse. Ich bin für meinen Aufschlag bereit.

Der Wind tobt um mich herum, pfeift durch die Reling und zerrt an meinem Shirt, als wolle er mich daran erinnern, dass wir mitten am Meer sind. Unter meinen Füßen schwankt das Schiff wie ein übernächtigter Partygast bei seinem dritten Martini. Ich musste aktiv mein Gewicht verlagern, um nicht umzufallen. Es fühlte sich ein wenig an, als stünde ich auf einer Slackline. Ich warte. Warte auf einen kurzen Moment der Ruhe. Mein Blick richtet sich auf den Schornstein und beobachtet den Rauch, der vom Wind ergriffen hin und her geschlagen wurde. Ab und an spürte ich den salzigen Sprühnebel auf der Haut. Ich wartete auf ein kleines Zeitfenster, ein Windloch. Nur eine Sekunde ohne Böen, das reicht vielleicht. Neben mir steht Nina, die dem Sturm mit einem Grinsen trotzt. Ihre Haare wehen nach Westen, ihr Körper schwankt nach Osten – die perfekte Balance. Wir beide wissen: Hier geht es nicht um Präzision. Es geht um Timing. Oder einfach um eine Menge Spaß in einer unwirklichen Situation.

Und dann: ein kurzer Hauch von Stille. Jetzt! Der Ball nimmt exakt die Flugbahn, die ich geplant hatte. Für etwa zwei Sekunden. Dann entscheidet sich eine Böe, mit einer Mischung aus Humor und Bosheit einzugreifen. Der Ball macht eine absurde 90-Grad-Kurve, den Gesetzen der Physik zum Trotz. Peters Schläger geht ins Leere, und wir – durch eine Mischung aus Glück, Windkraft und einer Prise Chaos – gewinnen den Punkt. Und damit auch das Spiel.

Wir bedankten uns mit einem leichten Schläger-Aneinanderschlagen am Netz und kehrten zu den Bänken am Eingang des Sportbereiches zurück. Wir legten unsere Schläger auf zwei unterschiedliche Haufen, die die nächsten Spielzusammensetzungen widerspiegelten. Dann quatschten wir mit den wartenden Spielern. Das war der beste Part an Pickleball. Andere Menschen… Pickel-was?, fragt ihr euch jetzt? Ihr kennt Pickleball nicht? Das ist nur der am schnellsten wachsende Sport in Nordamerika. Das ist kein Witz, doch außerhalb der Grenzen von Nordamerika ist dieses altersübergreifende und gesellschaftliche Spiele nur in US-Expat-Gruppen bekannt.

Was allen beim ersten Spiel auffällt – egal ob man aus Winnipeg, Wuppertal oder Auckland kommt: In Nordamerika ist es völlig normal, dass man nach ein paar Stunden auf dem Platz mit einem Dutzend neuer Bekanntschaften den Heimweg antritt. Man spielt einfach mit jedem. Innerhalb von fünf Minuten ist man in einem Team, teilt sich den Ball, das Gelächter – vielleicht sogar einen Energieriegel.

Es geht nicht ums Gewinnen, sondern ums Zusammenspielen, ums Kennenlernen. Um das herrlich unkomplizierte Gefühl, ein Teil einer kleinen, fröhlichen Gemeinschaft zu sein.

Aber gut, genug Pickleball -Philosophie.

Willkommen in … ja, wo eigentlich?

Wir sind ungefähr bei 26,8° N, 54,4° W – also inmitten des Atlantik. Im März. Über 1000 Kilometer in jede Richtung entfernt von jedem Festland. Ein Ort, an dem man sich fragt, wie zur Hölle ein gelber Plastikball überhaupt gegen den Wind ankommen soll. Und was tun eigentlich wir hier?

Unsere erste Cruise

Wir sind auf unserer ersten Cruise – besser gesagt, auf einer Repositioning Cruise. Das bedeutet, dass ein Schiff seinen Standort für eine neue Saison verlegt. In unserem Fall von der Karibik nach Europa. In unserem Fall von Fort Laudertale, Florida nach South Hampton, England. Das Schiff macht bei Weitem nicht so viele Stopps wie bei einer klassischen Kreuzfahrt, ist dafür aber deutlich günstiger. Für uns ein Abenteuer, das gleich mehrere Fliegen mit der sprichwörtlichen Klatsche erwischt: Wir haben ein schwimmendes Hotel, der Jetlag bleibt aus, weil wir den Zeitunterschied Stück für Stück mitnehmen, es ist günstiger als ein Flug – und ich kann mir endlich Seebeine wachsen lassen.

Nach ein bisschen Recherche (okay, ziemlich viel) haben wir uns kurzfristig für die Sky Princess der Reederei Princess Cruises entschieden. Natürlich mit Balkonkabine. Wir hatten ehrlich gesagt keine Ahnung, was uns erwartet. In den letzten Jahren haben wir immer wieder Leute kennengelernt, die von ihren Cruise-Erlebnissen erzählt haben. Die Meinungen gingen dabei weit auseinander. Eins kann ich aber schon vorwegnehmen: Die Aussage „Auf so einem großen Schiff kann man gar nicht seekrank werden. Dank Stabilisatoren und was weiß ich nicht alles merkt man nichts vom Seegang“ ist schlicht und einfach Blödsinn. Klar, eine Atlantiküberquerung ist kein Vergleich zu einer gemütlichen Mittelmeer-Tour oder Inselhopping in der Karibik – aber nichts vom Wellengang merken? Haha. Doch dazu später mehr.

Boarding & der erste Tag

Wir gaben morgens unser Mietauto am Flughafen in Fort Lauderdale zurück – nur wenige Minuten per Uber vom Kreuzfahrthafen entfernt. Übrigens der drittgrösste der Welt – die anderen zwei sind nur wenige Meilen entfernt. Am Tag unserer Anreise lagen „nur“ vier Kreuzfahrtschiffe im Hafen – macht rund 12.000 Passagiere. Die eine Hälfte beendete ihre Cruise, die andere stieg gerade zu. Einige wechselten einfach nur von einem Schiff aufs nächste.

Unser Uber-Fahrer unterhielt uns eine gute halbe Stunde lang, während wir mit hunderten Autos, Lieferwagen und Bussen langsam Richtung Terminal rollten. Laut eigener Aussage war er früher Polizeichef in New York und lebt jetzt in Florida – weit weg vom eisigen, unbarmherzigen Winter des Nordens. Er erzählte uns, wie er durch die Fernsehserie “Blue Bloods” mit Tom Selleck gelernt hatte, wie wichtig es sei, Kollegen im Krankenhaus zu besuchen. Seine Stories waren so gut einstudiert, dass sie clever, unterhaltsam und fast glaubwürdig wirkten – fast. Aber das war uns egal. Wir fanden ihn großartig. Fünf Sterne Rating und Extra-Tipp!

Dann ging alles schnell und top organisiert. Kaum geparkt, schnappte sich eine kräftige Dame unsere Rucksäcke, taggte sie mit unserer Kabinennummer – und wir stellten uns in die immer länger werdende Warteschlange zum Boarding. Wir kamen gleich mit den Pärchen hinter uns ins Gespräch. Sie waren erfahrene Kreuzfahrer. Das asiatische Paar hatte bereits über 700 Seetage allein mit Princess Cruises – und insgesamt über 1000. 1000 Seetage! Wenn man bedenkt, dass eine durchschnittliche Cruise 5 bis 7 Tage dauert … die haben quasi auf dem Meer gelebt. Eine schöne Vorstellung.

Bevor wir das komplette 101 der Kreuzfahrtwelt aus erster Hand in der Warteschlange erhalten hatten, waren wir auch schon beim Check-in. Es gab eine kurze Diskussion darüber, ob wir als Österreichische Passinhaber ein Visum für England brauchen. (Spoiler: brauchen wir nicht. Zumindest noch nicht) 

Problem gelöst, Chip erhalten. „Medallion“ nennt Princess Cruises dieses daumengroße Ding, das unsere Kabinentür öffnet, unsere Position anzeigt (jup, gläserner Passagier lässt grüßen) und uns überall identifiziert – sei es für Drinks, Restaurantbuchungen oder die Nutzung der Wäscherei.

Zwei Gänge und eine Treppe später waren wir auf dem Schiff – und auf dem Weg zu unserer Balkonkabine auf Deck 12. Die war schon bezugsfertig, also verstauten wir das Handgepäck im großzügigen Garderobenbereich und machten uns erstmal ein Bild. Das Bett: fantastisch. Die Dusche: riesig. Der Balkon: genau richtig mit zwei Stühlen, um, wenn uns danach war, zu sitzen und den Blick auf den endlosen Atlantik schweifen zu lassen.

Lange hielten wir es dort aber nicht aus – denn das Schiff wollte entdeckt werden!

Die erste Entdeckungstour – und ein Buffet, das mit falschen Geschichten aufräumt

Kaum hatten wir das Handgepäck im großzügigen Garderobenbereich unserer Kabine verstaut und einmal kurz aufs endlose Meer hinausgestarrt, zog es uns raus. Zu viel Neugier, zu viele Fragezeichen im Kopf. Wie lebt man eigentlich auf so einem Schiff? Wo verstecken sich 3400 Passagiere? Und – nicht ganz unwichtig – was gibt’s hier zu essen? Und Kaffee.

Der Hunger trieb uns schnurstracks nach oben, auf Deck 16. Dort, im vorletzten Deck des Schiffs, befand sich das Herzstück der täglichen Versuchung: das riesige Buffetrestaurant. Wir waren vorbereitet – mental zumindest. Auf Menschenmengen, Gedränge, lieblos aufgetürmte Blechschalen mit verkochten Nudeln. Unsere Vorstellung war irgendwo zwischen All-Inclusive-Urlaub in einem abgewohnten spanischen 5-Sterne-Hotel und Frühstück im Ferienlager.

Aber was wir dann vorfanden, war … anders. Weitläufig. Ruhig. Hell. Kein Gedränge. Keine Schlange. Keine nervösen Ellenbogen, die sich um das letzte Lachsbrötchen schoben. Stattdessen: freundliche Begrüßung, viel Platz, riesige Fenster mit Blick auf den Hafen und später auf die Weiten des Atlantiks – und ein Buffet, das mehr an eine internationale Food-Messe erinnerte als an eine Massenverpflegung.

Es begann harmlos mit kleinen Vorspeisen aus der Türkischen Küche. Ein paar Schritte weiter frisch gedrehte Pasta, dann ein ganzer, goldbraun gebratener Lachs unter einer Wärmelampe – nicht so ein blasser Zuchtlachs, sondern ein satter, orangefarbener Kerl aus Alaska, der schon vom Anschauen Lust auf Meer machte. Daneben Lammbraten, der beim Anschneiden fast zerfiel, als wolle er nicht stören. Und ein paar Meter weiter: Roastbeef, perfekt rosa, mit würziger Kruste, aufgeschnitten mit der Sorgfalt eines Schweizer Uhrmachers.

Das Gemüse war keine Beilage, sondern eine eigene Bühne. Glasierte Karotten mit Sesam. Gerösteter Blumenkohl mit einem Hauch Curry. Mediterrane Zucchini. Pastinaken, gebutterte Erbsen, Rosenkohl mit Ahornsirup. Alles frisch, nichts verkocht, nichts erinnerte an Kantine. Daneben Stationen, die einen je nach Lust und Laune nach Indien, Italien, in den Libanon oder in die USA entführten – allein über den Nachtisch sprechen wir lieber gar nicht erst.

Wir tasteten uns langsam durch. Ohne Stress. Ein bisschen hiervon, ein bisschen davon. Und mit wachsendem Respekt vor der Logistik, die es braucht, um für so viele Menschen auf diesem Niveau zu kochen. Am Ende saßen wir da, zufrieden, satt, aber nicht überfressen – und mit einer neuen Frage im Kopf: Wie zur Hölle schafft man es auf so einem Schiff nicht, jeden Tag drei Kilo zuzunehmen

Und los

Kaum saßen wir, waren wir schon im nächsten Gespräch – diesmal mit Kanadiern, die gerade eine Cruise durch den Panamakanal gemacht hatten und einfach aufs nächste Schiff umgestiegen sind. Ihr Plan: nach der Ankunft eine Woche London und dann zurück in die USA – mit dem nächsten Dampfer Richtung New York. Was für ein Lebensstil.

Das Leben an Bord spielte sich meist außerhalb unserer Kabine ab – auf Decks, in Lounges, auf dem Court oder beim Essen. Und doch wurde unsere Kabine schnell zu einem kleinen Zufluchtsort – ein kleines Stück Zuhause mitten auf dem Ozean, zu dem wir mehrmals am Tag zurückkehrten. Für ein kurzes Ausruhen auf der unglaublich bequemen Matratze, eine Pause am Balkon mit Blick auf nichts als Wasser, oder um zu arbeiten – am kleinen Schreibtisch, mit dem Meer immer im Augenwinkel. Jeden Morgen wachten wir mit dem Blick aufs offene Meer auf, manchmal still und glatt wie ein Spiegel, manchmal aufgewühlt und grau, mit weißen Schaumkronen bis zum Horizont. Die sanften Geräusche der Wellen und das gelegentliche Knarzen des Schiffs wurden zur Hintergrundmusik unserer Tage.

Auf Deck 17 entdeckten wir eine Joggingstrecke – ein paar Runden, und man hatte eine Meile. Direkt daneben der Sportbereich mit Basketballplatz und zwei Pickleball-Feldern. Ein Pooldeck mit Gelateria, Pizzastand, Burgerbude. Und natürlich die legendäre Riesenleinwand, auf der abends Blockbuster laufen. Es gab Tischtennisplatten, eine offene Piazza im Zentrum des Schiffs mit Liveband, Tanzfläche, einer Pizzeria, einem Fischlokal, Sushi, mehreren Bars – und natürlich ein Casino, in dem (man glaubt es kaum) noch geraucht werden darf. Dahinter das Theater mit Shows, die eher an Las Vegas erinnerten als an das, was uns erzählt wurde. Überall Musik, Stimmen, Gelächter – aber nie laut, nie zu viel.

Und es gab diesen einen Moment am ersten Abend, als die Sonne langsam hinter Fort Lauderdale versank, Musik durch den zentralen Bereich schwebte und wir mit einem Drink in der Hand aufs Wasser starrten. Dann legte das Schiff ab. Langsam, fast unmerklich. Der Hafen wurde kleiner, das Land verschwand, und plötzlich war da nur noch das Meer.

So begannen unsere zehn Seetage über den Atlantik. Kein Land in Sicht, kein geplanter Halt, kein Gedanke an Rückkehr. Nur der Ozean, das Schiff und eine seltsame Vorfreude auf das, was da kommen würde.

Menschen auf einem Schiff - Wie ein Dorf mit 3400 Leuten nur ohne die Autos

Nach ein paar Tagen auf See hatte sich eine gewisse Routine eingestellt. Morgens auf dem Balkon sitzen, während sich das Licht langsam über das Wasser schob. Danach vielleicht ein Besuch im Gym oder ein Spaziergang ums Deck. Abends ein Film unterm Sternenhimmel oder ein Glas Wein in einer der Bars mit Live-Musik. Und zwischendurch: Gespräche. Immer wieder. Überall.

Das Leben auf der Sky Princess fühlte sich an wie in einem kleinen Dorf. Nur eben schwimmend. 3400 Menschen, die gemeinsam unterwegs waren – und dabei erstaunlich offen aufeinander zugingen. Vielleicht, weil wir alle im selben Boot saßen. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Schon am zweiten Tag begegneten wir Tim und Renate. Ein amerikanisch-europäisches Paar mit offenen Herzen, scharfem Witz und diesem bestimmten Blick, der verriet: Die haben schon viel gesehen, und sie genießen jeden Moment. Wir kamen ins Gespräch, lachten gemeinsam beim Pickleball, erzählten von unseren Reisen – und spürten sofort diese Verbindung, die manchmal einfach da ist, ohne dass man sie erklären kann.

Auch Peter und Hanna lernten wir auf dem Court kennen. Frühpensionierte Kanadier mit Geduld, Humor und einem Faible für neue Menschen. Sie zeigten uns, wie man Pickleball richtig spielt – und wie man mit Anstand verliert. Ihre Fragen zu unserem Leben auf zwei Rädern waren ehrlich interessiert, nicht neugierig im falschen Sinne. Und genau deshalb erzählten wir gern.

Dann war da Lillian – eine ehemalige Flugbegleiterin, die mit ihrer besten Freundin, die sie seit über 40 Jahren kennt auf einem Girl’s Trip war. Lillian’s Mutter kam ursprünglich aus Deutschland, und deshalb war auch ihr Deutsch so unglaublich gut! Sie übte manchmal mit uns, mit einem Lächeln, das ansteckend war. Ihre Lebensfreude war nicht zu übersehen. Eine dieser Begegnungen, die einem den Tag versüßen, ohne dass man viel braucht.

Und dann war da Dave. Knapp 80, Witwer, der seine zweite große Liebe in Merelyn gefunden hatte. Als er von ihr sprach, leuchtete sein Gesicht auf, als hätte jemand das Licht angeschaltet. Und als wir die beiden zusammen sahen, wussten wir: Das beruht auf Gegenseitigkeit.

Die Gespräche an Bord waren leicht, aber nie belanglos. Man musste sich nicht erklären. Niemand fragte nach Beruf oder Status. Es ging um Geschichten. Um Begegnungen. Darum, wo man herkam und wohin man wollte – im Leben, nicht nur auf dieser Reise. Ein Vorteil wenn man mit Amerikanern und Kanadier unterwegs war.

Am letzten Abend, als sich die Reise dem Ende zuneigte, fand sich eine kleine Gruppe zusammen. Ganz ungeplant. Vielleicht 15 Leute, mal besser, mal weniger gut bekannt, aber alle irgendwie verbunden durch diese zwei Wochen auf See. Es war kein offizielles Abschiedstreffen – eher ein Innehalten. Ein „Schade, dass wir dieses Gespräch nicht schon vor zwei Wochen begonnen haben“. Ein „Wir bleiben in Kontakt“. Vielleicht sogar: ein „Wir sehen uns wieder“.

Selbst beim allerletzten Abendessen, als viele schon gedanklich beim Kofferpacken waren, lernten wir noch eine Gruppe kennen, die die ganze Zeit über jeden Abend zusammen am selben Tisch gesessen hatte. Sie hatten ihre eigene kleine Kreuzfahrt-Familie gebildet. Und dank Tim und Renate durften wir spontan dazustoßen. Ein letztes Geschenk dieser Reise.

Eine unerwartete Wendung am letzten Abend

Wiedersehen am Gate

Und dann, als wir dachten, der letzte Abend würde ruhig und stimmungsvoll ausklingen, passierte es.

Eine ältere Dame, nur wenige Meter von uns entfernt, stürzte plötzlich zu Boden. Einfach so. Wir waren sofort bei ihr, halfen ihr auf, fragten, ob alles in Ordnung sei. Sie nickte, sagte, es sei nur ein Missgeschick. Es wirkte eher, als sei ihr die Situation peinlich, als dass sie wirklich Schmerzen hatte. Ein Crewmitglied kam dazu, bot Hilfe an. Doch sie winkte ab. „Alles gut“, sagte sie.

Nina bemerkte eine leichte Schwellung an ihrem linken Fuß. Wir versuchten behutsam, sie zur Krankenstation zu überreden, aber sie lehnte freundlich, aber bestimmt ab. Ich begleitete sie und ihren Mann noch bis zu ihrer Kabine – ein paar Decks oben, nicht weit entfernt. Wir verabschiedeten uns mit dem Gefühl: Das war nichts Ernstes. Eher eine Unachtsamkeit. Es wirkte soweit unter Kontrolle.

Bis in der Nacht plötzlich die Stimme des Kapitäns durch das Schiff hallte: „Medizinisches Personal bitte sofort zur Kabine 8.“ Genau die Kabine, zu der ich sie wenige Stunden zuvor gebracht hatte. Nina und ich sahen uns an. Verdammt. Unser erster Gedanke: zurückgehen, nachsehen. Doch was hätten wir tun können? Wir hofften einfach nur, dass alles gut ausgehen würde – und dass dieser Blogeintrag nicht „Eine Kreuzfahrt und ein Todesfall“ heißen würde. Wir blieben zurück – mit einem leisen Gefühl der Sorge und dem Wunsch, dass alles gut ausgehen möge.
Am nächsten Tag, im Flughafen von Southampton, dachten wir noch kurz an die beiden. Dann – plötzlich – sahen wir sie. Im Wartebereich. Sie saßen da, ein paar Meter entfernt. Ihr Bein in eine Bandage gewickelt, beide etwas blass, aber sie lebten. Wir gingen zu ihnen, setzten uns dazu – und hörten ihre Geschichte.

Kurz nach unserem Abschied hatte sich eine kleine Wölbung an ihrem Bein gebildet. Zuerst dachten sie, es sei harmlos. Doch sie schwoll weiter an – zu einer massiven Beule. Und dann, in der Nacht, platzte sie. Blut spritzte durch die Kabine. Der Ersthelfer vom Schiff sagte später: „In 18 Jahren habe ich noch nie so viel Blut gesehen.“

Total verrückt. Sie wurde noch auf dem Schiff erstversorgt und am nächsten Tag ins Krankenhaus gebracht. Die Wunde wurde gereinigt und verbunden – und nur eine Stunde später saß sie schon in einem Taxi zum Flughafen.

Jetzt saß sie da, erzählte uns die Geschichte – und grinste dabei. Jen, die dieses Jahr ihren 90. Geburtstag in New York City feiern will (wo sonst könnte man besser im Dezember 90 werden?), dachte gar nicht daran, ihre Reise abzubrechen. Stattdessen flog sie weiter nach Dublin, um dort Freunde zu treffen – und sich ein Pint in einem kleinen Pub zu gönnen, direkt gegenüber einem der Eingänge zur Guinness-Brauerei. Ein Geheimtipp, den wir uns definitiv für unseren nächsten Dublin-Besuch merken würden.

Abschied mit Meerblick

Als wir am letzten Morgen zum allerletzten Mal auf unseren Balkon traten, lag bereits der Hafen von Southampton vor uns. Die Sonne hinter einer Nebeldecke verborgen, als wüsste sie, dass der Abschied schwerfällt. Unter uns der Lärm von Be- und Entladung – etwa das, was auch in unseren Köpfen kreiste.

Fünfzehn Nächte auf dem Atlantik. 14 Tage auf einem Schiff, das fremd begann und vertraut endete. 14 Tage, in denen wir mehr gelacht, gestaunt, geschwankt, gespielt und geredet haben, als wir erwartet hätten.

Was bleibt? Erinnerungen an Momente mit neuen Freunden, an stürmische Nächte mit einer Hand an der Wand, an Pickleball bei Windstärke acht. An Menschen, die ihre Geschichten mit uns teilten.

Eine Kreuzfahrt war für uns nie auf der Liste. Es war eher so ein „Warum eigentlich nicht?“. Und genau das machte es vielleicht so besonders. Weil wir ohne Erwartungen kamen – und mit Erlebnissen gingen, die wir nie gesucht, aber genau zur richtigen Zeit gefunden haben.

Wir steigen aus. Gehen weiter. Und wie immer nehmen wir etwas mit: Nicht nur Fotos und Anekdoten, sondern ein kleines Stück dieses Dorfes auf dem Meer. Vielleicht sehen wir den einen oder anderen wieder. Vielleicht nicht. Aber wir wissen: Die Welt ist wunderbar.

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Hi, ich bin Jay. So kraftvoll wie in diesen letzten Jahren ist mir das Leben noch nie begegnet und es darf mich nicht wundern, dass ich das Reich von schnellen und unpersönlichen Geschäften und dem Erfüllen der Erwartungen der Gesellschaft hinter mir gelassen habe. Ich habe mein Sakko gegen Wanderkleidung und Shorts getauscht, das Aftershave gegen Insektenspray und mein Auto gegen einen Camper.

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