Road Trip

Europa, bist du das? – Unterwegs durch Vertrautes, das fremd geworden ist

Nach 13 Monaten betraten wir wieder europäischen Boden. Drei Kontinente, tausende Kilometer, zahllose Begegnungen und Eindrücke lagen hinter uns – und nun durchquerten wir erneut diesen alten Kontinent. Es fühlte sich seltsam vertraut an – und gleichzeitig fremd.

Wir hatten Europa fast schon verklärt in Erinnerung: die vertrauten Ecken, der Duft von frisch gemahlenem Espresso in einer italienischen Bar, zart schmelzende Schokolade in Belgien, die gemütliche Direktheit der Holländer, die in Städtchen wie Leiden mit einem Stück viel zu süßem Apfelkuchen und einem perfekt aufgeschäumten Cappuccino auf einen warten.
Und nicht zu vergessen: das gute alte Leitungswasser – das man einfach trinken kann, ohne vorher „Is tap water safe?“ zu googeln.

Doch wie so viele Reisende und Urlauber außerhalb Europas machten wir den Fehler, Europa als Land zu sehen. Europa mag vieles sein, wie ein Kontinent voller unterschiedlicher Sprachen, doch hauptsächlich ist es eine Idee – eine Idee, die wenig bis gar nichts mit der Realität zu tun hat. Mehr eine Illusion als eine Einheit. Das wird einem sehr schnell bewusst, als wir an der ersten Grenzkontrolle von den Niederlanden nach Deutschland aufgehalten wurden. Und noch in derselben Kontrolle wird klar, dass das Wort „Ausländer“ wieder salonfähig ist – nicht für uns als Reisende, sondern für alle, die einfach nicht “von hier” sind.

In den letzten 13 Monaten war etwas passiert – mit uns, oder mit dieser Idee von Europa. Wir sehen die Dualität. Die Idee – und ihr Bruch. Die gemeinsame Währung, aber geteilte Wirklichkeiten. Das Versprechen von Offenheit – und die spürbare Enge im Alltag.

Und dazwischen: wir. Mit unserem Camper, unseren Geschichten und – schon eine Stunde, nachdem das Flugzeug in Amsterdam gelandet war – einem Hauch Fernweh. Und der leisen Frage im Gepäck: War Europa je so vereint, wie wir es uns eingeredet haben?

Warum Europa? Drei Gründe – und ein vergessener Camper

Was machen wir überhaupt hier in Europa? Drei einfache Gründe:

– Unsere geliebten Freunde Verena und Thomas heiraten – und ich darf die Fotos machen.

– Meine liebe Schwiegermutter wird 75 – und das lässt man sich natürlich nicht entgehen.

– Und dann ist da noch Rusty – unser Camper. Der stand seit über 13 Monaten unter einem Glasdach bei einer Gärtnerei in der Nähe von Amsterdam – tiefschlafend, unbewegt und mittlerweile ziemlich beleidigt.

Die Idee: Flug von Southampton nach Amsterdam. Mit dem Mietauto unseren Camper abholen. Warten, reinigen, losfahren. Niederlande, Belgien, Schweiz, Italien – und dann den Loop beenden in Baden, Österreich.
So der Plan. Die Realität, wie so oft: voller Umwege, Baustellen – und wertvoller Begegnungen.

Reality Check, oder: Wenn Rusty schmollt

Der Flug nach Amsterdam? Easy. Das Mietauto? Läuft.
Aber Rusty, unser Camper, war weniger enthusiastisch über unser Wiedersehen.
Eine teure Reparatur stand an – die komplette Bremsanlage im Eimer. Stoßdämpfer? Tot. Der Mechaniker sprach von Feuchtigkeit, langem Stillstand und: „Bitte setzen Sie sich mal hin, wenn ich Ihnen den Kostenvoranschlag zeige.“ Kurz gesagt: mehrere Monate „Leben-auf-der-Straße“-Budget – auf einen Schlag weg.

Aber hey – wir sind ja flexibel. Also: Reparatur durchführen, Innenraum reinigen, Tank entkeimen, alles durchschrubben und eine neue Matratze kaufen. Daneben unseren Lagerplatz mit gut zehn Kartons ausräumen und von Deutschland nach Amsterdam übersiedeln.

Die paar Tage, die wir im deutschen Grenzgebiet zu den Niederlanden verbrachten, waren ein Kulturschock der leisen Sorte. Irgendwas hat sich verändert – nicht zum Guten. Mit der deutschen Unfreundlichkeit und der kulturellen Art, andere Menschen zu verurteilen und zu beschuldigen, haben wir uns schon immer schwergetan. Diesmal war da noch etwas anderes. Etwas schwer zu benennen, aber deutlich spürbar: eine gewisse Schwere in der Luft.

Natürlich – Deutschland hat’s gerade nicht leicht. Politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich. Doch der Ton ist rauer geworden. Gespräche im Zug, Überschriften in Zeitungen, beiläufige Bemerkungen auf der Straße – Fremdenfeindlichkeit scheint wieder salonfähig. Und zwar nicht nur auf Telegram oder in Kommentarspalten, sondern im ganz normalen Alltag. Dass Menschen sich wegsetzen, wenn jemand mit anderer Hautfarbe den Zug betritt. Dass man auf der Straße wieder Nazi-Parolen liest. Dass das Wort „Ausländer“ häufiger fällt als ein simples „Danke“. Das brennt.

Dabei sind wir es gewohnt, fremd zu sein. In Asien, Südamerika, Australien. Mit Camper, Rucksack, Sprache und Verhalten, die sofort als „anders“ enttarnt werden. Und trotzdem wurden wir dort oft mit einer Wärme empfangen, die uns hier manchmal schmerzhaft fehlt.

Als wir Deutschland nach ein paar Tagen wieder verließen, um den Rest unserer Tiefenreinigung in Amsterdam durchzuführen, konnten wir wieder durchatmen. Die Grenze, die es in der Illusion Europa nicht gibt, existiert nicht nur mit Polizeikontrollen und Schlagbaum, sondern auch als kulturelle Abgrenzung – und somit als Unterschied in der Freundlichkeit.

Amsterdam – Wiedersehen mit einer Lieblingsstadt

Zwischen Reinigung und Reparaturen auf dem Bauernhof, wo wir mit unserem Camper nächtigten, schob sich Amsterdam wie ein tiefer Atemzug in unseren Tag. Und ja – es ist immer noch so, wie wir es in Erinnerung hatten:
Lässiges Chaos. Fahrräder, die von allen Seiten heranrauschen, als gäbe es keine Verkehrsregeln. Häuser, so schief, als hätten sie einen über den Durst getrunken. Enge Gassen mit holprigem Kopfsteinpflaster, große Schaufenster, in denen sich Kaffee, Deko, Kleidung – oder einfach ein verdammt guter Apfelkuchen – präsentieren. Und Menschen, die irgendwie immer wirken, als hätten sie Zeit. Selbst wenn sie gerade hetzen.

Wir saßen an den Grachten, die Beine müde vom Herumstreifen, Kaffee in der Hand, den Blick auf einen kleinen Seitenkanal gerichtet. Das langsam dahingleitende Wasser trug mehr als nur Boote – es trug Gedanken. Geschichten. Ein Gefühl von Freiheit.

Die Geräusche der Stadt – Stimmen, Fahrradklingeln, Möwenrufe – verschmolzen zu einer Art beruhigendem Grundrauschen. Als würden die Grachten flüstern: Du bist genau richtig. Nur sein.
Vielleicht ist es genau das, was uns hier so gut tut. Diese stille Einladung, für einen Moment einfach anzukommen – ohne etwas zu müssen. Vielleicht war’s aber auch der Kontrast zu Deutschland, wo so vieles zuletzt schwer und laut wirkte.

Hier in Amsterdam war plötzlich alles leicht.
Und das ist ein Gefühl, das wir in den letzten Wochen ziemlich vermisst hatten.

Belgien – Ein Beinahe-Wiedersehen in Brügge

Nach ein paar letzten Handgriffen am Camper und einem tiefen Atemzug an der Gracht hieß es: weiterziehen. Der Süden rief – und Belgien war unser nächster Halt. Eine neue Grenze – geografisch nur ein paar Kilometer, aber atmosphärisch eine andere Welt. Auch die Sprache wechselte, erst zu Flämisch, dann Französisch – aber das war es nicht allein. Es war mehr ein Gefühl, das sich veränderte.

Wo in Amsterdam alles in Bewegung ist – flirrend, ungebändigt, manchmal fast frech –, wirkt Belgien zurückhaltender, gedämpfter, fast wie ein Land, das in Zwischentönen spricht.

Brügge empfing uns leise. Nicht mit großer Geste, sondern mit schmalen Gassen, gedämpftem Licht und dem Gefühl, dass hier nichts laut sein will. Kopfsteinpflaster auch hier – aber feiner, sanfter, fast so, als würde es die Schritte der Besucher abfedern. Die Backsteinhäuser mit ihren Stufengiebeln und feinen Details wirken, als hätten sie sich dem Lauf der Zeit entzogen.

Während in den Niederlanden selbst die ältesten Gebäude oft lebendig wirken – bereit, dir beim Vorbeigehen eine Geschichte ins Ohr zu flüstern – sind die Fassaden in Brügge zurückhaltender. Verschlossener. Sie öffnen sich nicht im Vorübergehen. Man muss stehen bleiben, genauer hinsehen, vielleicht ein zweites Mal.

Es ist keine Stadt, die gefallen will. Sie ist einfach da – ruhig, würdevoll, fast schüchtern. Und genau das macht sie so berührend.

Auch die Menschen: weniger offenherzig, aber nicht unfreundlich. Eher ein freundliches Nicken als ein lautes „Hallo“. Vielleicht ein bisschen mehr Melancholie in den Gesichtern, weniger Leichtigkeit, dafür aber auch mehr Tiefe. Es ist, als hätte Belgien sich nicht darauf eingerichtet, gesehen zu werden – und genau deshalb berührt es umso mehr.

Brügge war wie ein Gang durch ein stilles Museum, in dem jede Ecke eine Geschichte erzählt, aber leise. Kein lautes Chaos, keine Fahrräder, die einem um die Ohren sausen – stattdessen Kanäle, in denen sich die Gebäude spiegeln wie Gedanken in einem ruhigen Kopf.

Der Kaffee schmeckte hier dunkler. Die Zeit fließt langsamer. Und obwohl es uns nie so sehr gerufen hatte wie Amsterdam, war es gut, wieder da zu sein. Ein Fast-Wiedersehen – mit einem Land, das nicht gefallen will, sondern einfach nur da ist. Und vielleicht ist genau das seine stille Schönheit.

Unsere Freunde, die wir vor einigen Jahren in der ländlichen Idylle des Lot-et-Garonne, nicht weit von Toulouse, kennengelernt hatten, wollten wir in Belgien wiedertreffen. Ein kleines Wiedersehen am Weg, dachten wir – ganz unkompliziert. Doch wie es manchmal so läuft, funkte uns das Leben dazwischen. Wir standen da – sie waren woanders. Kein Drama, aber ein kleiner Stich. Wir würden uns sicher wieder über den Weg laufen. Irgendwo da draußen, wo sich Reiserouten kreuzen und die Welt manchmal kleiner ist, als man denkt.

Kursänderung, oder: Wenn Rusty erneut schmollt

Am nächsten Morgen, Brügge noch ein wenig in Gedanken, machten wir uns auf den Weg nach Süden. Doch kaum waren wir unterwegs, meldete sich das Armaturenbrett – mit einem dieser Lämpchen, die sofort das Herz schneller schlagen lassen. Rusty, unser Camper fiel abrupt in den Notlauf, 45 km/h – nicht gerade ideal für belgische Autobahnen.

Wir rollten auf den Pannenstreifen, fragten unsere AI des Vertrauens, blätterten parallel im Bordbuch. Die Diagnose: alles möglich, nichts davon beruhigend.

Wir tuckerten zur nächsten Werkstatt – geschlossen. Die nächste? Auch zu. Die übernächste? Offen! Aber: frühester Termin in acht Wochen. Nächster Versuch – sieben Wochen. Noch ein Versuch: zwei Monate. Telefonate, Absagen, Schulterzucken.

Nach fünf Stunden und einem gewissen Grad an Verzweiflung rief ich die deutsche Werkstatt an, die uns nach dem Winterschlaf schon einmal geholfen hatte. Auch dort: voll. Aber der Besitzer, ein leiser Held in Blaumann, hörte zu, dachte kurz nach – und sagte dann: „Kommt morgen früh vorbei. Ich schieb euch irgendwie dazwischen.“

Wow.

Das bedeutete allerdings: einmal zurück nach Deutschland – mit 45 km/h. Keine Autobahn. Keine Schnellstraße. Stattdessen: Landstraßen, Dörfer, Schleichwege. Belgien zog langsam an uns vorbei, dann wieder niederländische Backsteinlandschaften, schließlich: deutsche Wälder, Ortsdurchfahrten, Baustellen.

Gegen 2 Uhr nachts erreichten wir die Werkstatt, parkten, atmeten durch – und schliefen sofort ein.

Am Morgen: Kaffee – stark, heiß, freundlich serviert von der Frau, die die Werkstatt mit einem Lächeln am Laufen hält. Kurz darauf stand die Diagnose fest: Turboschaden. Kein Totalschaden, aber auch keine Kleinigkeit. Ein Tag, mindestens.

Und wieder: eine Überraschung. Der Werkstattchef drückte uns kurzerhand seinen privaten Wagen in die Hand – „damit ihr euch nicht festgesetzt fühlt“. Diese Mischung aus Pragmatismus und Herzlichkeit ließ uns kurz sprachlos zurück.

Doch die deutsche Gründlichkeit hatte auch eine andere Seite: Das Hotel, das wir spontan buchten, war so nüchtern wie ein Amtszimmer. Beim Frühstück wurden wir eher geduldet als bedient. Nach der Hilfsbereitschaft in der Werkstatt fühlte sich das wie ein abrupter Stimmungswechsel an. Willkommen zurück in Deutschland – Licht und Schatten, wie so oft.

Kirschblüten in Bonn

Rusty, unser Camper, fraß weiter mit großem Appetit an unserem Budget – ein neuer Turbolader, zwei Tage in der Werkstatt und noch ein paar zusätzliche Kleinigkeiten. Und zack: wieder ein paar Monate „Leben auf der Straße“-Budget einfach weg. Schluck. Trotz des Entgegenkommens der Werkstatt. Trotz des leisen Helden im Blaumann.

Nächster Stopp: Bonn. Freunde, die wir vor gut einem Jahr in Thailand kennengelernt hatten, luden uns ein. Ein Wiedersehen, das nach Vertrautheit roch. Nach Tee und Geschichten, die sich wie lose Fäden wieder verbanden.

Und dann – Kirschblüten.

Wir hatten sie nicht geplant. Nicht erwartet. Aber plötzlich waren sie da: ganze Alleen in Rosa. Wie eine freundliche Verschwörung der Natur. In der Kölner Altstadt, in der Südstadt, rund um die Bonner Straße – sie blühten, als gäbe es kein Morgen. Ganze Straßen waren wie gepudert, als hätte jemand Zuckerwatte über den Asphalt geweht.

Die Sonne schien, doch sie schaffte es nicht, die Luft zu erwärmen. Ein eisiger Wind wehte durch die Alleen. Selfies wurden gemacht, Paare posierten, Kinder ließen rosa Blüten regnen. Durch den hohen Anteil an japanischstämmigen Besuchern wirkte es kurzzeitig, als wären wir nicht mehr in Deutschland.

Wir saßen in einem Café, etwas durchgefroren vom eisigen Wind, mit einer Tasse Kaffee in der Hand, Kirschblätter in den Haaren – und quatschten über das letzte Jahr.

Dem schlechten Wetter entkommen

Wir verabschiedeten uns von unseren Freunden und fuhren wieder Richtung Süden – zurück in die Schweiz, so war zumindest der Plan. Doch kaum hatten wir Belgien durchquert, standen wir auch schon in Luxemburg. Einmal von Nord nach Süd, durch ein Land, das sich still und zurückhaltend unter unseren Reifen entfaltete. Landschaftlich wie Belgien, nur irgendwie … aufgeräumter. Weniger Häuser, mehr Hügel. Und schließlich: Luxemburg-Stadt.

Perfekt fürs Stadt-Land-Fluss-Spielen – Land und Hauptstadt? Gleichnamig. Haken dran.

Die Stadt selbst überraschte uns. Eine Mischung aus Burgmauern und Business-Towers, aus mittelalterlichem Charme und Glasfassaden. Oben auf den Felsen thront die Altstadt, darunter fließt der Alzette-Fluss durch tiefe Schluchten, als hätte jemand eine Modellstadt auf zwei Ebenen gebaut.

Doch dann: ein Blick auf die Wetter-App, und unsere Schweiz-Pläne lösten sich buchstäblich in Regenwolken auf. Stattdessen: Kurswechsel. Einmal quer durch Deutschland nach Osten. Tschechien, wir kommen!

Pilsen, ein bisschen Prag, die Böhmische Schweiz – und dann wieder kurz zurück nach Deutschland, bevor es weiterging nach Polen. Ein Umweg, ja. Aber einer mit Aussicht.

Bautzen – Osterhauptstadt mit Überraschungen

Auf dem Weg nach Polen, irgendwo zwischen deutscher Autobahn und polnischer Grenze, sahen wir plötzlich eine Stadtsilhouette, die neugierig machte: Kirchtürme, alte Gemäuer, eine Art Märchenburg auf einem Hügel. Kurzentschlossen fuhren wir ab – und landeten in Bautzen. Zugegeben: Außer dem gleichnamigen Senf war uns der Ort bisher kein Begriff. Doch kaum angekommen, wurden wir eines Besseren belehrt.

Ein älterer Herr – Bautzner, wie sich herausstellte – sprach uns auf dem Parkplatz an, als wir noch mit Telefon und App in der Hand ratlos aussahen. „Bleibt doch ein paar Tage“, meinte er. „Bautzen ist zu Ostern was ganz Besonderes.“ Und weil wir ja immer für Planänderungen offen sind, blieben wir.

Unser Nachtquartier: ein improvisierter Stellplatz vor einem Brautmodengeschäft, dessen Besitzer selbst Camper ist und anderen einen Ort zum Übernachten bietet – mit Wasser, Abwasser und herzlicher Willkommenskultur. Kostenlos. Einfach so.

Und tatsächlich: Bautzen empfing uns wie ein verborgenes Juwel. Der Ostermarkt war in vollem Gange: Stände mit handbemalten Eiern, Musik, frische Kräuter und dieser typische Geruch von gebrannten Mandeln in der Luft.

Eine ältere Frau in traditioneller Tracht – langer Rock, bunte Stickereien, Haube – sprach uns an, und wir kamen ins Gespräch. Von ihr erfuhren wir, dass Bautzen das kulturelle Zentrum der Sorben ist – einer der vier anerkannten Minderheiten in Deutschland, mit eigener Sprache, Geschichte und lebendigen Traditionen.

Es war mehr als nur ein netter Zwischenstopp. Es war ein Blick in eine Welt, die wir nicht erwartet hatten. Zwischen Ostereierverzierung und Geschichten aus einer anderen Zeit wurde uns klar: Identität kann vielschichtig sein.
Und Offenheit begegnet einem manchmal dort, wo man sie am wenigsten vermutet – auch in Deutschland.

Wrocław – Zwerge, Brücken und ein Herz für Umwege

Von Bautzen aus ging’s weiter gen Osten. Die Grenze? Diesmal kaum bemerkbar. Kein Stempel, keine Schranke – nur ein kleines Schild: Polska. Und doch war plötzlich alles ein bisschen anders – die Straßenschilder, das Tempo, die Farben der Häuser, ihr Zustand. Und dann: Wrocław. Oder, wie man’s hier sagt: Wroa-tschwaf. Ein Zungenbrecher beim ersten Versuch, aber einer, der sich überraschend schnell ins Herz schleicht.

Wir waren vor ein paar Jahren schon einmal hier – damals, als wir von Finnland aus Richtung Süden reisten. Und jetzt, viele Umwege und Erlebnisse später, standen wir wieder an der Oder. Die zieht sich wie ein lebendiger Faden durch die Stadt, teilt, verbindet – und trägt über hundert Brücken auf ihrem Rücken. Manchmal fühlt sich Wrocław an wie ein kleineres Venedig des Ostens – nur mit mehr studentischem Lachen und weniger Gondeln.

Ich war das allererste Mal vor gut 25 Jahren hier, als ich einem Unternehmen half, sich IT-technisch auf den Jahrtausendwechsel vorzubereiten. Seitdem hat sich einiges verändert. Die Stadt hat sich gewandelt – und ich natürlich auch.

Unser Camper bekam einen Platz direkt am Fluss, ruhig genug zum Durchatmen, nah genug für spontane Stadtspaziergänge. Und dann: einfach loslaufen. Keine Liste, kein Plan – nur Neugier. Die Altstadt überraschte uns erneut: ein buntes Gewusel aus gotischen Türmen, barocken Fassaden und einem Marktplatz, der in der untergehenden Sonne leuchtet.

Und dann waren da überall diese kleinen Bronzefiguren – Wrocławs berühmte Zwerge. Über 400 von ihnen verstecken sich in der ganzen Stadt: einer auf dem Klo, einer mit Kamera, einer mit Zahnbürste. Wir begegneten ihnen wie alten Bekannten, die immer noch Quatsch machen. Eine charmante, leicht schräge Stadtrallye, bei der man auch mal den Kopf heben oder auf die Knie gehen muss.

Wrocław fühlt sich jung an – nicht nur wegen der vielen Studierenden. Es ist offen, lebendig, entspannt. Ein Kaffee hier, eine Süsse Verführung dort, Gespräche in Polnisch, Englisch, manchmal Deutsch. Die Stadt tanzt auf mehreren kulturellen Hochzeiten – und lädt einen einfach mit aufs Parkett. Kein Stress, kein Tempo-Diktat. Nur Raum. Für Gedanken, Umwege, Begegnungen.

Eine davon: am Abend, als wir in einer kleinen, modernen Bäckerei saßen, einen überraschend guten Cappuccino tranken und die Beine vom Herumlaufen ein wenig müde waren. Da sprach uns ein Mann an – höflich, offen, mit sanfter Stimme. Er hieß Ali, war der Besitzer der Bäckerei, ja, des ganzen Hauses.
„Darf ich euch was Gutes tun?“, fragte er und lud uns spontan zu einer selbstgemachten Zimtschnecke der Bäckerei ein. Mit ihm am Tisch: seine beiden Schwestern, die ihn aus London besuchten.

Was als lockeres Gespräch begann, wurde bald tief. Persönlich. Schwer. Eine Tragödie hatte die drei vor Kurzem erschüttert – etwas, das nicht in Worte passte, aber in jedem Blick mitschwang. Der Schmerz war da, greifbar, aber nicht pathetisch. Nur ehrlich. Roh. Wie ein Stück Metall, noch nicht entgratet. Und wir, mit unseren Geschichten von unterwegs, versuchten ein wenig Leichtigkeit hineinzubringen. Vielleicht ein bisschen Hoffnung.

Als Ali fragte, ob er uns noch etwas Gutes tun könne, sagte Nina lachend: „Eine Dusche wär super!“ – und schaute mich dabei vielsagend an. Ali zögerte keine Sekunde. „Ich habe ein kleines Hotel, direkt die Straße runter. Wenn ihr wollt, lade ich euch für eine Nacht ein.“

Wir sahen uns an. Stille. Ein bisschen ungläubig.
Dann: „Aber was machen wir mit dem Camper?“ Auch dafür hatte Ali eine Lösung. Hinter dem Hotel gäbe es einen Parkplatz – sicher und ruhig.

Und so kam es, dass wir plötzlich in einem weichen Bett lagen, warm geduscht, satt, berührt. Nicht von der Stadt allein, sondern von den Menschen darin. Am nächsten Morgen nach dem Frühstück saßen wir erneut zusammen mit den dreien, redeten weiter, lachten sogar – trotz allem. Dann mussten sie los, Richtung Prag. Wir verabschiedeten uns mit einem schlichten „Bis bald.“ Und irgendwie wussten wir: Das war kein Abschied für immer.

Wrocław hatte uns erneut überrascht. Nicht mit großen Sehenswürdigkeiten, sondern mit leisen Gesten. Mit Türen, die sich öffneten. Mit Gesprächen, die blieben. Vielleicht ist das die wahre Schönheit von Orten wie diesem: dass sie dich nicht nur ankommen lassen – sondern auch ein Stück mit dir weitergehen.

Krakau – Endlich da, wo wir nie hinkamen

Unser Weg führte uns weiter nach Osten – und da war sie plötzlich, diese Stadt, die sich jahrelang erfolgreich vor uns versteckt hatte: Krakau. Mal war das Wetter mies, mal lag sie einfach nicht auf unserer Route, manchmal kam das Leben dazwischen. Aber diesmal – diesmal passte alles.

Krakau empfing uns mit mildem Frühlingslicht und einer charmanten Mischung aus Geschichte und Gegenwart. Die Altstadt wirkte wie ein gut gehütetes Geheimnis, das sich einem nur langsam öffnet. Wir schlenderten über das Kopfsteinpflaster des Rynek Główny, ließen uns von den Pferdekutschen nicht abschrecken und standen schließlich staunend vor den Tuchhallen – dieser Mischung aus Renaissance, Kommerz und Kulisse.

Die Stadt fühlte sich gleichzeitig schwer und leicht an. Schwer durch ihre Geschichte, die in den alten Mauern und Denkmälern liegt. Leicht durch das Lachen junger Leute in den Straßencafés, die warme Frühlingsluft, das Murmeln der Touristen in allen möglichen Sprachen.

Abkürzung mit Aussicht: Slowakei im Vorbeifahren

Die Zeit drängte – zumindest ein bisschen. Der 75. Geburtstag meiner Schwiegermutter stand vor der Tür, und für uns bedeutete das: ab in den Süden, auf nach Baden bei Wien. Aber wie so oft auf unseren Reisen war der direkte Weg der am wenigsten gegangene.

Wir durchquerten das Tatra-Gebirge, ließen Polen langsam hinter uns, und die Landschaft wurde plötzlich dramatisch: Berge mit bereits geschlossenen Skigebieten, aber noch mit Schneeflecken; tiefgrüne Wälder und der Regen, der uns nun endgültig eingeholt zu haben schien.

Wir fuhren durch kleine Dörfer mit Namen, die wir nicht aussprechen konnten, und die den Anschein machten, als hätten wir eine Zeitreise gemacht – mindestens 40 Jahre zurück. Einfacher. Wir stoppten einige Male: Dolný Kubín, Ružomberok, Banská Bystrica, Krupina. Dann waren wir auch schon in Budapest.

Budapest – Das kleine Wien

Bevor wir endgültig Richtung Österreich weiterzogen, machten wir noch einen kleinen Schlenker nach Budapest – oder, wie wir es gern nennen, das „kleine Wien“.

Es war nicht unser erstes Mal hier, und doch fühlt sich Budapest jedes Mal ein bisschen neu an. Die Donau teilt nicht nur die Stadt, sondern auch ihr Tempo: Buda auf der einen Seite, mit Hügeln und Geschichte; Pest auf der anderen, flach, lebendig, voller Cafés, Bars, Graffiti und Gesprächsfetzen.

Wir spazierten über die Kettenbrücke, tranken Kaffee im jüdischen Viertel, ließen uns abends vom Lichtermeer am Donauufer verzaubern. Übernachtet hatten wir 20 Zugminuten entfernt – direkt an der Donau. Es war nur ein kurzer Besuch, zwei Tage – aber einer, der reichte. Reichte, um sich zu erinnern, warum wir Budapest lieben.

Weil Städte nicht einfach nur Orte sind.
Sondern Begegnungen.
Mit der Welt.
Mit anderen.
Mit uns selbst.

Fazit, die ersten zwei Monate

Europa war einmal vertraut. Unser Kontinent, Ausgangspunkt, vielleicht sogar Heimat – damals, bevor wir aufbrachen. Doch nach Jahren des Unterwegs seins, so lange in der Welt wurde uns klar: Auch hier ist vieles in Bewegung. Nicht immer zum Guten – aber eben auch nicht nur zum Schlechten.

Die Grenzen die wir bisher gespürt haben – geografische, kulturelle, menschliche – sind nicht mehr das was wir kannten. Doch wir erlebten auch offene Türen, warme Begegnungen und stille Schönheit, die sich manchmal erst auf den zweiten Blick zeigt.

Unser Weg durch Amsterdam, Belgien, Deutschland, Polen, die Slowakei und Ungarn war kein typisches „entdecken“. Es war ein Wiedersehen mit einem Kontinent, der uns nahe ist – und doch fremd geworden ist. Und vielleicht ist genau das der Wert diese Monate: Nicht die Orte, sondern die Perspektiven, die sie uns schenken.

Jetzt geht es weiter – nach Österreich, in die Nähe von Familie, Freunden, vertrauten Stimmen. Und doch wissen wir schon jetzt: Lange werden wir nicht bleiben. Denn das Unterwegssein ist kein Zustand mehr – es ist ein Teil von uns.

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Hi, ich bin Jay. So kraftvoll wie in diesen letzten Jahren ist mir das Leben noch nie begegnet und es darf mich nicht wundern, dass ich das Reich von schnellen und unpersönlichen Geschäften und dem Erfüllen der Erwartungen der Gesellschaft hinter mir gelassen habe. Ich habe mein Sakko gegen Wanderkleidung und Shorts getauscht, das Aftershave gegen Insektenspray und mein Auto gegen einen Camper.

2 Comments

  • Loved your email! Denken so oft an euch und haben gerade letzte Woche von euch geredet, als Tarkan leider von uns gegangen ist. War er nicht ein ganz besonderer Hund? Nina, ich weiss..., aber so schoen, dass wir ihn so lange hatten! So finden wir auch eure Gelassenheit wunderbar, Wie immer meistert ihr alles, egal was kommt! Spannend zu hoeren, was ihr ueber ein (auch mir inzwischen total entfremdetes Europa) schreibt. Eure Erfahrungen sind teilweise sehr erschuetternd, aber machen auch neugierig. Interessanterweise zieht es immer mehr Deutsche und Oesterreicher hierher nach Suedafrika, wo nicht nur die Sonne, das Wasser und die Berge lachen, sondern vor allem die Menschen. Wie Du schreibst, Jay, kein Tempel, keine Skulptur, kein Croissant kommt der Freundlichkeit und dem Laecheln eines Menschen gleich. Das ist, was uns beruehrt und das ist, was bleibt. Ein Gefuehl. Dein Schreibstil ist wie immer fesselnd und euer Bericht unterstreicht mein Lebensmotto: Unsere Anwesenheit ist ein Geschenk. Keine Forderung. Nina, das koennte von dir stammen... Anyways, haltet uns weiter auf dem Laufenden - per Blog, email - oder jederzeit wieder persoenlich bei uns! Beste Gruesse, big hugs, Ines und Mark

    • Liebe Ines, lieber Mark, eure Nachricht hat uns mitten ins Herz getroffen – danke dafür! Dass ihr gerade letzte Woche an uns gedacht habt und Tarkan zur Sprache kam, hat uns tief berührt. Ja, er war wirklich ein ganz besonderer Hund. Ein Seelenwesen. Und auch wenn der Abschied schmerzt, sind wir unendlich dankbar für die gemeinsame Zeit. Er war einfach unser absoluter Lieblingshund "worldwide" und wir werden ihn in unseren Herzen weiterleben lassen. Eure Worte über unsere „Gelassenheit“ bedeuten uns viel – gerade weil wir auch oft zweifeln, stolpern, uns wundern. Aber vielleicht liegt das Geheimnis ja genau darin: loszulassen, was man nicht ändern kann, und das Schöne im Moment zu sehen. So wie ihr es in Südafrika lebt – wir spüren in jeder Zeile eurer Nachricht, wie sehr ihr angekommen seid, bei den Menschen, bei euch selbst. Es klingt nicht nur warm, es strahlt. Wir freuen uns riesig, weiterhin mit euch verbunden zu bleiben – ob per Mail, Blog oder irgendwann (hoffentlich) wieder persönlich. Eure Einladung steht offenbar immer – und das ist ein Geschenk, das wir sehr zu schätzen wissen. Big hugs zurück in den Süden, Nina & Jay

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