Und noch einmal, dachte ich. Hand auf die Hupe, beide Hände am Lenkrad. Mit gut 80 km/h bretterten wir in unserem kleinen grauen Mietwagen wie ein Geschoss auf die Menschen auf der Straße zu. Wie die zwanzig Male davor wurde das dicke Seil im allerletzten Moment fallen gelassen, und die Menschen, die die Straße blockierten, traten wie auf ein geheimes Kommando zur Seite. Gerade weit genug, um nicht vom Auto erfasst zu werden. Man sah ihnen förmlich an, dass sie wussten, dass wir wussten, dass sie wussten, was zu tun war.
Die meisten Autofahrer hielten an, zahlten brav ihren „Beitrag zur Gemeinschaft“ und fuhren weiter. Diese Straßensperren, freundlich als “Community Checkpoints” bekannt, gab es zu Hunderten auf unserer 15-stündigen Fahrt von Cartagena nach Medellín – einer Strecke voller Abenteuer, die wir später als „unfreiwilligen Fahrunterricht im Überlebensmodus“ in Erinnerung behalten sollten. Um es gleich vorwegzunehmen: Ich würde diese Fahrt niemandem empfehlen. Nehmt das Flugzeug, den Bus oder ein besonders schnelles Pferd, aber fahrt bloß nicht selbst.
Community Checkpoints? Was ist das?
Kurz gesagt, es handelt sich um die vielleicht kreativste Methode, um Geld von Autofahrern und Motorradfahrern zu bekommen. Und glaubt mir, man kann Kolumbianern vieles nachsagen, aber nicht, dass sie in Sachen Straßenblockaden nicht erfinderisch wären. Wie genau die ganze Masche funktioniert, kann ich nicht sagen – wir hielten nie an, sondern preschten durch, jedes Mal mit einem Puls, der wohl locker im Bereich von „leichter Herzinfarkt“ lag.
Die Sperren unterschieden sich in ihrer Machart, aber jede Variante hatte ihren eigenen Charme. Die Klassiker waren dicke Seile, die quer über die Fahrbahn gespannt wurden, meist an einem Baum auf der einen Seite befestigt und von einer Menschentraube auf der anderen Seite gehalten. Vor dem Seil stand dann ein ernster Mensch mit erhobener Hand, der vermutlich dachte, er sei die Verkehrspolizei oder der Dorfälterste. Manchmal ersetzten Äste das Seil, hin und wieder gab es hölzerne Barrikaden, und gelegentlich saßen einfach ein Dutzend Menschen mitten auf der Fahrbahn, als wollten sie ein spontanes Straßenpicknick abhalten. Es war jedes Mal ein Glücksspiel, ob die Sperren rechtzeitig entfernt würden.
Die ersten paar Male versuchte ich, langsam heranzufahren, höflich zu wirken – vielleicht sogar ein Hauch von „touristischer Naivität“ zu verbreiten. Doch Kolumbianer haben offenbar einen sechsten Sinn für Schwäche: Je zögerlicher ich wurde, desto weniger bereitwillig verschwanden die Barrikaden. Am Ende musste ich den Ansatz wechseln: Vollgas, Hand auf der Hupe und Augen fest auf die Straße gerichtet – schließlich wollte ich ja nicht, dass mein erster Mord ein Unfall mit einem Baumstamm auf Kolumbiens Straßen endete.
Einmal hielt ein Auto vor uns an, gestoppt von einer improvisierten Barrikade aus Ästen, die quer über die Straße lagen. Binnen Sekunden wurde es von einem Dutzend Menschen umringt, die energisch gegen die Fenster klopften – ein Anblick, der uns einen Zombie-Film erinnerte, nur dass die Zombies hier Bargeld forderten. Wir kamen dazu, hupten wie verrückt, und unser Vordermann, vermutlich ein friedliebender Mensch, ließ sein Fenster herunter, sprach kurz mit den „Verhandlern“ und reichte offenbar Geld hinaus. Ich entschied, dass dies unser Moment war, beschleunigte und brach links durch die Äste. Unter dem Gewicht unseres kleinen Mietwagens knackten die Zweige wie Frühstücksflocken, und die Menschen sprangen zur Seite. Das andere Auto nutzte die Gelegenheit der allgemeinen Verwirrung und gab Gas.
Nach gefühlten 50 solcher Checkpoints und rund sieben Stunden auf Straßen, die einer Fahrt auf dem holprigen Teil des Mondes ähnelten, erreichten wir unseren Stopp für die Nacht: Caucasia. Wir waren müde, etwas traumatisiert, aber immerhin – noch lebendig. Und das war ja schon mal etwas.





Party, Party und noch mehr Party
Kolumbien ist laut. Wenn es einen weltweiten Wettbewerb für Partylärm gäbe, würde Kolumbien den zweiten Platz belegen – knapp hinter Mexiko und vielleicht noch vor einem Rockkonzert, das in einem Flugzeughangar stattfindet. Die Lautstärke erreicht neue Höhen, wenn Vallenato aus krächzenden, überdimensionierten Lautsprechern dröhnt und die Leute dazu tanzen, trinken und… naja, vor allem trinken. Wie in Mexiko wird auch hier früh gestartet und früh wieder aufgehört. Was ich damit meine, ist, dass der Lärm schon am Nachmittag beginnt und dann gegen unsere Frühstückszeit langsam zum Erliegen kommt. Und das meine ich buchstäblich: Wenn niemand mehr aufrecht stehen kann und der Arm zu schwach ist, um die billige Bierdose zu heben, verstummt auch die Musik – bleibt aber nie völlig aus. Sie macht lediglich eine Pause, bis am Nachmittag die nächste Runde eingeläutet wird.
Unsere Unterkunft war natürlich mitten in diesem fröhlichen Chaos. Die Fenster – einfache, symbolische Trennwände zwischen uns und der Außenwelt – vibrierten unermüdlich im Takt der Bässe, die sich anhörten, als kämen sie direkt aus der Hölle. Schlaf? Fehlanzeige. Am nächsten Morgen hatte ich eine Telefonkonferenz und musste mich in eine Ecke zurückziehen, wo ich zumindest die Illusion von Ruhe hatte. Die Party draußen war selbstverständlich immer noch im vollen Gange.
Auf dem Weg nach Medellin - Der nächste Tag



Nach dieser „erholsamen“ Nacht brachen wir auf und fanden uns nach zehn Minuten Fahrt auf der Ruta Nacional 25 wieder – einer Straße, die selbst den routiniertesten Fahrern alles abverlangt. Die Strecke ist berühmt-berüchtigt für ihre Kurven, die so zahlreich sind, dass sie fast schon wie ein schlechter Witz erscheinen. Überholen? Keine Chance. Die Straße ist so schmal, dass zwei LKWs nur dann aneinander vorbeikommen, wenn beide die Luft anhalten – und wir mit ihnen.
Die Landschaft? Atemberaubend, mit dichten Wäldern, schimmernden Flüssen und den majestätischen Bergen der kolumbianischen Anden. Hätte ich nicht ständig versucht, unser kleines Auto um die unzähligen Kurven zu manövrieren, hätte ich die Aussicht vielleicht sogar genießen können. Aber dazu blieb keine Zeit, denn die Route führte uns durch Bergdörfer, die uns weniger als malerisch, sondern eher als – sagen wir mal – „potenziell abenteuerlich“ beschrieben wurden. Ein Anhalten? Lieber nicht.
Das letzte steile Stück
Nur noch eine Stunde bis zu unserer Unterkunft, die wir über Airbnb gefunden hatten – recht nah am Flughafen, also oberhalb von Medellín. Wir waren müde, erschöpft und etwas grün um die Nase von den gefühlten Millionen Kurven. Ja, wir hatten sie gezählt. Jede einzelne. Nein, natürlich nicht.
Doch gerade als wir dachten, das Schlimmste läge hinter uns, passierte das Unvermeidliche: Wir vertrauten erneut auf unsere „Spaß-und-Abenteuer-App“ Google Maps. Zunächst wirkte alles harmlos – ein Abzweig von der Hauptstraße, ein paar Vororte, die wir gemächlich durchkurvten. Dann ging es bergauf. Zuerst sanft, dann immer steiler. Die Straße wurde schmaler und schmaler, bis sie schließlich einspurig war. Und mit „einspurig“ meine ich: gerade genug Platz für ein kleines Auto und ein mittelgroßes Selbstwertgefühl.
Aber das war noch nicht das Schlimmste. Die Steigung nahm weiter zu, und schließlich erreichten wir den Punkt, an dem unser kleiner Mietwagen einfach kapitulierte. Finito. Mist das ist italienisch. Finalizado. Der Motor hustete ein letztes Mal, und das war’s. Nach mehreren verzweifelten Versuchen mussten wir aufgeben. Es fühlte sich an, als hätte ein unsichtbarer Riese das Auto mit einer Hand festgehalten, während wir mit aller Kraft versuchten, vorwärtszukommen. Zurückrollen schien die einzige Option – Zehn. Lange. Kilometer. Im. Rückwärtsgang. Doch bevor wir diese irrwitzige Idee umsetzen konnten, tauchte ein Pickup-Truck hinter uns auf, der die gesamte Straße blockierte.
Fuuuuuuuuuuccck. Mit einem langen, verzweifelten U, wie es Roy Kent aus Ted Lasso ausgesprochen hätte. Also mehr wie ein O.
Dann hatte die glorreiche Idee, dass es vielleicht helfen würde, wenn Nina ausstieg, um das Gewicht zu reduzieren. Das Ergebnis? Null. Nada. Fuuuuuucccck. Ich wollte aussteigen, doch die Handbremse unseres kleinen Wagens kämpfte tapfer – und verlor.
Ein Motorrad mit zwei Personen hielt an, und der Fahrer fragte in sympathischem Spanisch, ob alles in Ordnung sei. Offensichtlich nicht, aber wir nickten gequält. Nach einem kurzen Gespräch bot er an, unser Auto ein paar hundert Meter zur nächsten Ausweichstelle hinaufzufahren. “Good luck with that,” murmelte ich skeptisch, während ich ihm das Steuer überließ. Das Übergeben des Steuers war eine Herausforderung, da der Wagen trotz voll angezogener Handbremse nach unten rollte. Ich sprang raus, er sprang rein, ließ den Motor aufheulen und brachte das Auto in winzigen Sprüngen nach oben. Sein Trick: Er spielte mit der Kupplung, als wäre sie ein schlecht gelaunter Tanzpartner.
Wir folgten zu Fuß, keuchend und schnaufend (immerhin schon auf etwa 2200 Höhenmeter)– mit der beunruhigenden Erkenntnis, dass wir gerade all unser Hab und Gut inklusive Auto einem wildfremden Kolumbianer anvertraut hatten. “Gut gemacht Jay!” Als wir endlich die Ausweichstelle erreichten, stand unser Auto da. Es stank nach verbrannter Kupplung, aber es stand. Der Mann winkte freundlich, schwang sich auf sein Motorrad, das seine Freundin heraufgebracht hatte und rief noch über die Schulter: „Nur noch zwei Kilometer!“ “ZWEI KILOMETER?”, echote ich doch er war schon weg. Wir starrten uns an, dann nickten wir – was blieb uns auch anderes übrig? Fuck it.
Nach etwa einem Kilometer mit wildem Kupplungsspiel wurde die Straße tatsächlich breiter – aber leider auch schlechter. Der Asphalt verschwand vollständig, und vor uns lag eine matschige Schotterpiste, durchsetzt mit Steinen, so groß wie Hinkelsteine. Es war weniger steil, aber immer noch so, dass es als schwarze eingstufte Skipiste bewertet worden wäre. Fuuuuuuuuuck. Ich konnte mir lebhaft ein GIF vorstellen, in dem ich unaufhörlich „Fuuuuuuuuuuck“ sage, während ich das Lenkrad fest umklammere. Aber gut, da mussten wir durch.
Wir stürzten uns in die Herausforderung, der Wagen rutschte seitlich weg, und die Reifen drehten immer wieder durch. Ich riss das Lenkrad hin und her wie ein Kapitän auf einem sinkenden Schiff, um auch nur den Hauch von Grip zu bekommen. Das Spiel mit der Kupplung wurde zu einem nervenaufreibenden Prozedur, und gerade, als ich dachte, wir hätten es geschafft, wurde die Straße für vielleicht 200 Meter flacher – nur um dann so steil anzusteigen, dass sie vor uns wie eine hochgezogene Zugbrücke aufragte.
Ich trat das Gaspedal bis zum Anschlag durch, holte alles aus dem kleinen Motor heraus und schaffte es tatsächlich in den zweiten Gang. Der Wagen hüpfte zweimal über unsichtbare Kanten, krachte hart in den schlammigen Untergrund und riss uns weiter nach vorne. Wir rutschten und schleuderten, die Reifen verloren immer wieder den Halt, bis wir auf einen Felsen prallten, der uns kurz in die Luft katapultierte. Ohne Bodenhaftung flog das Auto einen Moment, dann krachte es wieder auf die Straße. Lenkrad nach links, Gas geben, zurück in den ersten Gang, Lenkrad nach rechts – es war, als würde ich in Zeitlupe ein Videospiel spielen, nur dass der Einsatz unser kleines Auto und unsere Nerven waren.
Und dann, plötzlich, mit einem letzten Sprung über eine Kuppe, kamen wir zum Stehen. Ich ließ die Kupplung los, und der Motor verstummte in einem erleichterten Aufseufzen. Vor uns lag – oh Wunder! – der Highway, die Straße, auf der wir eigentlich die ganze Zeit hätten sein sollen. Ich warf Google Maps einen strafenden Blick zu, während es unschuldig „in 5 Metern links abbiegen“ vorschlug. Unser Auto stank nach verbranntem Metall und Plastik, und Rauch stieg irgendwo unter der Motorhaube auf.
In diesem Moment dachte ich an unseren Freund Mark, der einst mit einem alten Volvo von den 60ern eine Rallye von Peking nach Paris gefahren war. Mark hätte uns auf die Schulter geklopft und „guter Einsatz“ gemurmelt. Mein Herz pochte, meine Hände zitterten, und als wir uns beide ansahen, überkam uns einer dieser seltenen Momente reiner Freude und Erleichterung. Wir hatten es geschafft – irgendwie.
Nicht so schnell...
Zehn Minuten später verließen wir die Autobahn und hielten an einem Lebensmittelladen, der mich sofort an den Aldi meiner Kindheit erinnerte: ein trostloses Sortiment und fragwürdige Qualität. Aber was soll’s. Wir kauften Wasser und ein paar andere Dinge – nichts Frisches, das gab es hier einfach nicht. Mit unseren dürftigen Einkäufen im Gepäck ging es weiter in Richtung Unterkunft. Doch nur wenige Minuten später fanden wir uns erneut auf einer Schlammfahrbahn wieder. Diesmal ging es nicht nur steil bergauf, sondern vorher erst einmal steil bergab. Und zwar so steil, dass es aussah, als würde die Straße uns direkt zum Mittelpunkt der Erde führen, nur um uns dann gnadenlos wieder gen Himmel zu schleudern. Es könnte sein, dass ich hier ein wenig übertreibe.
Kurz gesagt: Wenn wir es nicht schaffen würden, auf der anderen Seite wieder hochzukommen, war’s das. Um die Sache noch spannender zu machen, war es mittlerweile so dunkel, dass wir die Straße nur erahnen konnten. Nina schrieb unserem Airbnb-Host, ob wir wirklich auf dem richtigen Weg seien. Nach Minuten, die sich wie Stunden anfühlten, kam seine Antwort: „Ja, das ist die richtige Straße.“ Fuuuuuuuuuuuuuck.
Also gut. Ich holte tief Luft und ließ den Motor aufheulen. Wir beschleunigten, rasten den Abhang hinunter und beteten, dass uns der Schwung auf der anderen Seite wieder nach oben tragen würde. Die erste Hälfte lief erstaunlich gut. Der Schwung trug uns weit, doch dann verlangte uns die Steigung alles ab. Lenkrad links, Lenkrad rechts, Vollgas, ein bisschen Kupplungsspiel – es war eine Mischung aus Instinkt und purem Glück, die uns letztlich über die Kuppe brachte. Oben angekommen atmete ich kurz auf, nur um festzustellen, dass es direkt wieder bergab ging – dieses Mal bis zu unserer Unterkunft.
Vom Parkplatz bis zu unserer Hütte waren es dann noch etwa 40 Höhenmeter auf einem schmalen, steilen Pfad, der selbst für die Bergbahnbesitzer unter uns eine Herausforderung gewesen wäre. Unser Airbnb-Host, offenbar ein Mann mit einem Faible für Abenteuergäste, half uns mit der ersten Ladung unseres Gepäcks. Er erklärte uns in Rekordzeit, wie die Heizung funktionierte (Spoiler: es gab keine), und verschwand wieder, während wir frierend in der kleinen, eiskalten Hütte standen. Nach den gewohnten 30 Grad des Tages fühlten sich die etwa 4 Grad hier oben über Medellin wie ein Polarsturm an. Fuuuuuuuuuuuuuck.
Die Nacht war unerträglich kalt. Ich wachte am nächsten Morgen mit pochenden Kopfschmerzen auf – der Grund offenbar überall verteilt: Hundehaare. Obwohl die Unterkunft als hundefrei beworben worden war, war das Haus ein einziger Fellteppich. Leider bin ich allergisch gegen Hunde, was uns normalerweise dazu bringt, sehr genau auf solche Details zu achten. Es kam noch schlimmer: Nina war über Nacht krank geworden. Es hatte sich schon angekündigt, und die stressigen letzten Tage waren sicher nicht hilfreich. Mit Fieber lag sie im Bett, und jede Idee, in eine andere, bessere Unterkunft umzuziehen, war somit unmöglich.
Das Abenteuer „Ankunft“ war vorbei, aber der Preis dafür fühlte sich an, als wäre er ein bisschen hoch gewesen. Ihr wisst schon was jetzt kommt: Fuuu…..
Medellín: Eine Stadt im Schatten ihrer selbst
Wir hatten keine klare Vorstellung von Medellín, abgesehen von den Geschichten, die uns neugierig gemacht hatten: Die einstige Drogenhochburg, die sich als Musterbeispiel für Wandel und Hoffnung neu erfunden haben soll. Es klang faszinierend, fast zu schön, um wahr zu sein. Aber bevor wir die Stadt selbst erlebten, verbrachten wir ein paar Tage in einer kalten Hütte, in der Nina sich erholen musste – und wo es zog wie in einer sprichwörtlichen Vogelsteige.
Schon nach unserem ersten Tag war uns eines klar: Medellín lebt mehr in den Anekdoten seiner bewegten Geschichte als in dem, was sich tatsächlich vor unseren Augen abspielte. Es fühlte sich an, als würden wir durch ein inszeniertes Museum wandern, in dem die Vergangenheit lebendig blieb, auch wenn die Exponate abgenutzt wirkten.
El Poblado: Medellíns polierter Hotspot
El Poblado, der bekannteste Stadtteil Medellíns, wurde uns wärmstens von anderen Reisenden empfohlen. Mit schicken Restaurants, luxuriösen Hotels und trendigen Cafés scheint es die perfekte Kulisse für Urlauber und Expats zu bieten, die sich in einer sicheren Blase bewegen möchten. Doch für uns glich El Poblado wie eine Stadt die überall sein könnte, von Miami bis München – sauber, modern und irgendwie seelenlos.
Besonders auffallend waren zwei Dinge: die Boutiquen, die Hemden zu Preisen anboten, die meinen ersten Gebrauchtwagen übertrafen (ein grauer Daihatsu, falls es jemanden interessiert), und die schier endlose Zahl an Sexshops. Sogar das berühmte Rotlichtviertel von Amsterdam könnte hier Konkurrenz bekommen. Aber abgesehen von dieser skurrilen Mischung war El Poblado… nun ja, nett. Mehr aber auch nicht.
Laureles: Eine Pause von der Inszenierung
La Candelaria: Wo die Widersprüche aufeinandertreffen
La Candelaria, das historische Zentrum Medellíns, erzählt seine Geschichten mit kolonialen Gebäuden, die von einer längst vergangenen Zeit zeugen. Doch die Narben der jüngeren Vergangenheit sind hier ebenso sichtbar. Es ist ein Ort, an dem Glanz und Elend, Hoffnung und Verzweiflung, Vergangenheit und Gegenwart aufeinanderprallen.
Das Herz von La Candelaria ist die Plaza Botero, ein skurriler Ort, an dem überdimensionale Skulpturen des berühmten Künstlers Fernando Botero stehen – darunter der „dicke Mann auf dem Pferd“ und die übergroße Katze. Doch so lebendig die Kunst ist, so düster kann die Atmosphäre wirken. Straßenhändler verkaufen minderwertige Plastikartikel, Prostituierte stehen an jeder Ecke, und Touristen sind eine seltene Spezies.
Die Diskrepanz zwischen den lebhaften YouTube-Videos voller tanzender Menschen und lachender Gesichter und unserer eigenen Erfahrung war unübersehbar. In den Videos wirkt der Platz wie ein Paradies für Reisende. In unserer Realität wurden wir hingegen als zahlungskräftige Ziele betrachtet – mit allen unangenehmen Konsequenzen.







Comuna 13: Vom Albtraum zur Attraktion
Natürlich wollten wir uns auch die berühmte Comuna 13 ansehen. Einst einer der gefährlichsten Orte der Welt, ist sie heute ein Symbol für Wandel und Hoffnung – und eine beliebte Touristenattraktion.
Die Comuna 13 klammert sich an die steilen Hänge oberhalb von Medellín. Es ist ein Labyrinth aus engen Gassen, bunten Häusern und unzähligen Treppen. Und genau hier kommt der Clou: Rolltreppen. Kein Witz! Ähnlich wie die Central–Mid-Levels Escalator in Hongkong, nur viel kleiner, führen 380 Meter Rolltreppe in sechs Abschnitten die steilen Hänge hinauf. Sie wurden 2011 installiert, um die steilen Hügel für die Bewohner zugänglicher zu machen. Sie stehen auch symbolisch für den sozialen Wandel und die Transformation des Viertels – so wurde uns jedenfalls erzählt.
Wir erkundeten die Comuna 13 zusammen mit einer ganzen Horde anderer Touristen. Es war ein bisschen wie auf einem Jahrmarkt: Jeder wollte dein Guide sein, jeder verkaufte denselben billigen Ramsch, und jeder hatte das „beste“ Essen und Trinken – doch hauptsächlich zum Trinken. Und es wurde getrunken, wie am Ballermann nur eben auf einem Hügel. Auf dem Weg zur Spitze zählten wir nicht weniger als 22 Pablo-Escobar-Imitatoren, die für viel Geld ein Selfie anboten.
Wunderschön, wie überall in Kolumbien, sind die Graffiti: farbenfrohe Wandbilder, die Geschichten erzählten. Geschichten von Gewalt, von Verlust, aber auch von Hoffnung und Wiederaufbau. Es gibt hier Führungen, die jedes Graffiti und dessen Künstler vorstellen und die Geschichte der Comuna 13 in einen Kontext setzen.
Oben angekommen hatten wir einen guten Ausblick über das Viertel, das sich unter uns wie ein riesiger Teppich aus Ziegeln und Beton ausbreitete. Ich fragte mich, wie es wohl gewesen sein muss, hier zu überleben, und wie die Wandlung in dieses einst tödlichste aller Viertel vonstattengegangen ist. Keine angenehme Vorstellung.
Natürlich ist die Kommerzialisierung der Comuna 13 ein zweischneidiges Schwert. Einerseits bringt der Tourismus Geld in die Gegend und schafft Arbeitsplätze. Auf der anderen Seite hat die Geschichte des Ortes etwas von ihrer Authentizität verloren und wird zu einer reinen Show für Touristen. Wir hoffen, dass die Menschen hier einen Weg finden, ihre Geschichte zu bewahren und gleichzeitig von den positiven Auswirkungen des Tourismus zu profitieren.
Es ist ein Ort, der einen zum Nachdenken anregt: über die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Und über die unglaubliche Kraft der menschlichen Widerstandsfähigkeit und Wandelbarkeit. Und natürlich über die Genialität von Rolltreppen.






Mein Fazit: Medellín, ein Ort der Widersprüche
Für alle, die Medellín noch nicht erlebt haben, gebe ich drei Tipps:
- Fahrt nicht mit dem Auto hierher – fliegt. Die Straßen hier machen selbst erfahrenen Fahrern das Leben schwer.
- Lasst Medellín aus, wenn euch Lärm, Chaos und Trubel abschrecken. Es ist laut, dreckig und nicht immer angenehm.
- Ignoriert die ersten beiden Tipps und macht euch euer eigenes Bild. Jede Reise ist einzigartig, und Medellín hat auf seine eigene Art etwas Besonderes.
Medellín ist keine einfache Stadt, aber sie ist eine, die zum Nachdenken anregt – über Geschichte, Wandel und die Kraft der Menschen, ihre Realität zu verändern.
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Hi, ich bin Jay. So kraftvoll wie in diesen letzten Jahren ist mir das Leben noch nie begegnet und es darf mich nicht wundern, dass ich das Reich von schnellen und unpersönlichen Geschäften und dem Erfüllen der Erwartungen der Gesellschaft hinter mir gelassen habe. Ich habe mein Sakko gegen Wanderkleidung und Shorts getauscht, das Aftershave gegen Insektenspray und mein Auto gegen einen Camper.
2 Comments
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Hallo Thomas, wow, und schon wieder so ein toller Kommentar – danke dir! 😄 Tut mir leid, wenn dir von der virtuellen Autofahrt tatsaechlich ein bisschen flau geworden ist... 😆 Freut mich riesig, dass du wieder dabei bist, und noch mehr, dass du dich schon auf den naechsten Beitrag freust. Hout Bay ist wirklich ein Stueckchen Paradies – und auch wenn ihr derzeit nicht mehr dort seit, bleibt doch immer ein Teil von euch zurueck. Ganz liebe Gruesse, Jay
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Thomas
Hallo Jay, als die Nachricht überweisen neuen Blog bei mir ankam habe ich sofort losgelegt....Dein Bericht war so lebhaft dass mir jetzt auch schwindlig und schlecht ist von der Autofahrt.....DAAAAAAANKE dafür ....Bin natürlich beim nächsten Blog dabei unf freue mich schon jetzt drauf...Viele Grüsse aus unserem geliebten Hout Bay ...