Road Trip

Cartagena – Die Perle der Karibik oder Disneyland für Kreuzfahrttouristen?

„Ich könnte euch Cartagena sparen, nur Betrüger und Halsabschneider“, hieß es. Oder: „Die schönste Altstadt der Welt“, „die Perle der Karibik“ und „Dreckloch“, „Ausgeraubt am ersten Tag“. Wir hatten über Cartagena Meinungen gehört, die nicht unterschiedlicher hätten sein können.

Trotz all dieser Warnungen entschieden wir uns, die Stadt selbst zu erkunden. Denn wie Aldous Huxley so treffend sagte: „Reisen heißt zu entdecken, dass alle unrecht haben mit dem, was sie über andere Länder (oder Städte) denken.“

Von Santa Marta aus führte uns eine fünfstündige Fahrt gen Westen, entlang der von Lkw und Mopedtaxis belebten Küstenstraße, nach Cartagena. Natürlich wäre das viel zu einfach gewesen. Kolumbien hat ein wunderbares kleines System namens Pico y Placa, das Autofahrer zwingt, ihre Kennzeichen zu lesen. Denn je nach Endziffer gibt es an bestimmten Tagen Fahrverbote. Und was, wenn unsere Nummerntafel mit einer Fünf endete? Freitags keine Fahrt in Santa Marta, montags in Cartagena – und samstags auch nicht in Barranquilla. Kurz gesagt: Der einzige Tag, an dem wir unsere Pläne mit den Regeln vereinbaren konnten, war der Sonntag. So viel zur Spontaneität.

Abenteuer auf kolumbianischen Straßen

Das Fahren auf Kolumbiens Straßen ist ein Abenteuer – chaotisch, lebendig und voller Überraschungen. Der Kolumbische Strassenverkehr ist wohl einer der unberechenbarsten dieser Welt. Manche Fahrer drängeln, quetschen sich in winzige Lücken, die in Deutschland nichtmal als Parklücken erkannt werden würden, überholen in brenzligen Momenten und hupen lautstark – eine unverkennbare Botschaft, die irgendwo zwischen „Mach Platz!“ und “He, du Arsch! pendelt. Andere dagegen scheinen ihre Fahrkünste bei einem Zen-Meister erlernt zu haben, bewegen sich im Schritttempo und lassen alles in ihrem Umfeld zweifeln, wo und ob sie überhaupt ankommen wollen.

Hinzu kommen die schlechten Straßenverhältnisse: Schlaglöcher, unmarkierte Fahrspuren und fehlende Verkehrsschilder machen die Übersicht schwer. Verkehrsregeln werden mehr als Vorschläge betrachtet. Rote Ampeln überfahren, spontane Spurwechsel und der Verzicht auf Blinker sind Alltag.

Kolumbien hat auch Mautstraßen – oder zumindest Straßen, die dafür gehalten werden. Sie verlangen regelmäßig Gebühren, ohne je den Komfort oder die Qualität zu liefern, die man dafür erwarten könnte. Stattdessen rattert man über Landstraßen, deren Zustand bestenfalls nostalgische Gefühle für das Kopfsteinpflaster des Mittelalters weckt. Das beste: Man erkennt oft erst im letzten Moment, dass es sich überhaupt um eine Mautstraße handelt. Google Maps, unser treuer Reisegefährte, zeigt sich hier wenig hilfreich und lässt uns meist ahnungslos ins nächste Abenteuer stolpern. Die Mautgebühren sind zudem sehr hoch: Alle paar Kilometer zahlen wir zwei bis vier Euro, was sich diser Fahrt von mehreren hundert Kilometern schnell zu einer beachtlichen Summe addiert.

An den Mautstellen dann die Händler. Sie stürmen herbei, bewaffnet mit Chips, Cola und fragwürdigen Souvenirs, während andere noch gewagter „Schnellpässe“ für die Schranken verkaufen. Funktionieren diese wirklich? Das bleibt eines der ungelösten Mysterien unserer Reise. Wir wagten das Experiment jedenfalls nicht, obwohl ein kleiner Teil von uns hoffte, es würde uns direkt in eine geheime Eilspur katapultieren.

Ach ja, und falls ihr euch fragt, wie Kolumbien im Vergleich zu anderen chaotischen Ländern abschneidet: Vietnam mag wie ein endloser Scooter-Strom wirken, aber es hat eine fast meditative Logik. Mauritius hingegen? Das bleibt die unangefochtene Königin der verrückten Verkehrssysteme. Kolumbien? Es spielt in der Liga der Großen, keine Frage.

Von Santa Marta nach Cartagena

Die Fahrt von Santa Marta nach Cartagena ist voller Kontraste und Eindrücke. Rechts erstreckt sich das aufgewühlte Karibische Meer, das erstaunlicherweise wenig karibisch wirkt. Es ist dunkel und nicht tiefblau, wie wir es von anderen Gebieten in der Karibik kennen. Links hingegen zieht eine abwechslungsreiche Landschaft vorbei: mal dichter, grüner Dschungel, mal trockene, von Kakteen durchzogene Gebiete. Die meist einspurige Landstraße schlängelt sich entlang der Küste, und immer wieder gibt es Momente, in denen wir einen weiten Blick aufs Meer erhaschen. Der Verkehr erfordert meine volle Konzentration: Riesige LKWs, beladen mit allem von Bananen bis Baumaterial, rollen gemächlich dahin. Unverständlicherweise soweit auf der linken seite das ein Reifen meist die Mittellinie berruehrte. Überholen wird dabei zum Geschicklichkeitsspiel, bei dem Timing alles ist – besonders, wenn am Horizont eine neue Kurve oder ein Hügel auftaucht. Zwischendurch passieren wir kleine Strandorte, die uns an südafrikanische Townships erinnern. Heruntergekommene, einst bunte Häuser ohne Fenster stehen verdreckt da, überzogen von Schlamm und anderem Schmutz. Dazwischen verlaufen unbefestigte Straßen, die teils durch Regen in kleine Seen verwandelt werden. Müllberge überall. Kinder laufen in Lumpen herum, während Wäsche über die schlammigen Wege gespannt ist, die sich durch die stetig wiederkehrenden Regenschauer in Bäche oder Teiche verwandeln. Der immer wieder einsetzende Regen verwandelte auch unser Straße von Zeit zu Zeit in reißende Flüsse, die den Verkehr zum Erliegen brachten. So gerieten wir in einen Stau, da ein Fluss auf gut hundert Metern die Straße überschwemmte. Manche Autos fuhren zögernd durch, manche blieben stecken, und die meisten warteten davor. Worauf, wussten wir nicht wirklich, denn bis der Wassernachschub gestoppt werden würde, würden Stunden oder noch länger vergehen, da es ja immer wieder wie aus Eimern zu regnen begann. Wir fahren also im Schritttempo an den wartenden Autos vorbei. Bevor der “Fluss” beginnt, warte ich, bis ein Auto, das es vor uns versucht, die halbe Strecke geschafft hat – das Warten bringt mir ein kleines Hupkonzert zu meinen Ehren ein. Als ich sicher bin, dass der weiße Toyota vor uns nicht stecken bleibt und damit unsere “Fahrbahn” blockiert, fahre ich los. Es läuft alles nach Plan, bis ein entgegenkommendes Auto mit viel zu hoher Geschwindigkeit in den Fluss fährt. Die Welle, die es vor sich herschiebt, schwappt über unsere Kühlerhaube und Windschutzscheibe. Für einen Moment ist die Sicht völlig weg, und unser kleines Mietauto beginnt zu ruckeln. Doch nach ein paar holprigen Sekunden läuft der Motor wieder rund. Noch einmal Glück gehabt. Im Rückspiegel sehe ich, dass das entgegenkommende Auto durch die Schwungvolle Fahrt in den Fluss stecken geblieben ist – und dabei auch das Fahrzeug hinter sich in den Fluten gefangen hält. Ob es von den Wassermassen mitgerissen wird, mitten auf der Fahrbahn stehen bleibt oder weitergetrieben wird, kann ich nicht sagen. Für uns geht es weiter – weiter nach Cartagena.

Cartagena – Glanz und Schatten: Eine Stadt, zwei Gesichter

Innerhalb der imposanten Mauern der Altstadt von Cartagena fühlten wir uns wie in eine andere Zeit versetzt. Die kolonialen Gebäude erzählen mit jeder Fassade Geschichten aus längst vergangenen Jahrhunderten. Prächtige Herrenhäuser mit massiven Holztüren und schmiedeeisernen Details reihen sich aneinander. Die Balkone, die oft mit kunstvollen Schnitzereien verziert sind, überhängen die engen Gassen und sind von üppig blühenden Bougainvilleen umrankt.

Die Catedral de Santa Catalina de Alejandría beeindrucken mit ihrer schlichten Eleganz. Die steinernen Fassaden schimmern durch die tropische Sonne in warmen Goldtönen und präsentieren sich so in ihrer besten Form vor meiner Kamera. Kleine Innenhöfe hinter schweren Holztoren öffnen sich zu grünen Oasen, wo wir nach einem vorsichtigen Hineinschauen auf plätschernde Springbrunnen und schattenspendende Palmen stoßen, die für eine fast magische Ruhe sorgen.

Die farbenfrohen Häuser – in allen Nuancen von Gelb, Rosa, Blau und Grün – strahlen Lebendigkeit aus und stehen im Kontrast zu den alten, bröckelnden Fassaden, die einen gewissen Charme der Vergänglichkeit verkörpern. Arkadengänge mit kunstvollen Säulen und alte Lagerhäuser, die Boutiquen oder Restaurants beherbergen, runden das Bild dieser Altstadt ab, die wie eine Kulisse wirkt – und auch irgendwie eine ist.

Denn hinter dieser prächtigen Fassade zeigt Cartagena seine andere Seite. Bereits innerhalb der Altstadt fallen die Kontraste auf. Vor den teuren Boutiquen, die Designerware und Souvenirs für Touristen anbieten, sitzen Obdachlose in den Eingängen – teilweise in einem sehr verwahrlosten Zustand, nicht mehr ansprechbar oder reagierend, selbst nicht auf ein Wasser in der drückend glühenden Nachmittagssonne.

Die Straßen und Plätze sind voller Straßenhändler, die versuchen, überteuerte Waren, Dienstleistungen oder Besuche in Bars und Restaurants an Touristen zu verkaufen. Besonders die Palenqueras, Frauen in bunten Kleidern mit Obstschalen auf dem Kopf, bieten gegen hohe Gebühren ein Foto an. Wir wollten dennoch eines haben. Nina erwies sich dabei als gute Verhandlerin, und vermutlich deshalb willigten zwei Palenqueras ein, ein Foto für einen Bruchteil des Preises mit ihr zu machen.

Je weiter man sich von der Altstadt entfernt, desto stärker verändert sich das Stadtbild. Im hippen Viertel Getsemani hält der touristische Charme noch an: mit Straßenkunst, Backpacker-Hostels und kleinen Cafés. Doch schon hier sind die ersten Spuren des Alltags sichtbar, der jenseits der Touristenblase stattfindet. Die Gebäude, die nicht renoviert wurden, wirken heruntergekommen, und viele Einheimische leben in bescheidenen Verhältnissen.

Noch weiter außerhalb zeigt sich schließlich das Cartagena, das meist nur Einheimischen kennen: dreckig, heruntergekommen und geprägt von Armut. Die Straßen sind voller Schlaglöcher, Müllberge türmen sich an den Ecken, und einfache Betonhäuser reihen sich aneinander – oft in einem Zustand, der eher auf Verfall als auf Leben schließen lässt. Hier gibt es keine Boutiquen, keine Cafés, keine Palenqueras. Stattdessen kämpfen die Menschen mit Straßenständen um ihren Lebensunterhalt, und Kinder spielen in dreckigen Gassen.

Dieses Cartagena ist schmutzig, arm und von sozialer Ungleichheit geprägt. Es ist die Stadt, die die Einheimischen sehen, während die Touristen meist nur die inszenierte „Perle der Karibik“ erleben. Der Kontrast könnte kaum größer sein, und er ist eine Mahnung daran, wie eng Glanz und Elend in dieser faszinierenden, aber widersprüchlichen Stadt beieinanderliegen.

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Hi, ich bin Jay. So kraftvoll wie in diesen letzten Jahren ist mir das Leben noch nie begegnet und es darf mich nicht wundern, dass ich das Reich von schnellen und unpersönlichen Geschäften und dem Erfüllen der Erwartungen der Gesellschaft hinter mir gelassen habe. Ich habe mein Sakko gegen Wanderkleidung und Shorts getauscht, das Aftershave gegen Insektenspray und mein Auto gegen einen Camper.

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