Auf der Landkarte wirkt Chile wie eine dünne, zittrige Linie zwischen dem Pazifik und Argentinien – als hätte ein betrunkener Kartograf sie gezeichnet. Mit fast 5000 Kilometern Länge, aber maximal 177 Kilometern Breite, ist es ein geografisches Paradoxon – eine Art Nudel, die sich vom Äquator bis in die Antarktis erstreckt. Und dennoch ist es, erstaunlicherweise, größer als Texas oder doppelt so groß wie Deutschland, was mich jedes Mal daran erinnert, dass nichts so ist, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag.
Unser Ziel ist der Lake District, etwa zehn Stunden südlich von Valparaíso – was auf chilenischen Straßen, die gelegentlich mehr Idee als Infrastruktur sind, ungefähr einem Tagestrip zum Mars entspricht. Auf dem Weg zogen kleine Dörfer und gelegentlich sogar Städte an uns vorbei, die aussahen, als wären sie erst vor kurzem aus einer Kiste geschüttet worden. Alles wirkte provisorisch, unzusammenhängend – und – angesichts der europäischen Preise – überraschend spartanisch, ja geradezu ärmlich.
Die Landschaft blieb weiterhin trocken. Sand, Geröll, niedriges Buschwerk mit einer Farbpalette, die fast ausschließlich aus Braun- und Beigetönen bestand. Der Boden war von der Sonne ausgeblichen, das Geröll wirkte, als hätte es seit der letzten Eiszeit niemand mehr bewegt, und das niedrige, struppige Buschwerk sah aus, als würde es sich aus reiner Sturheit am Leben halten – falls es noch am Leben war. Es fühlte sich an, als hätte sich Chile spontan entschlossen der US Bundesstadt Utah zu sein.
Avocados, Wein und Wasserknappheit – Chiles fataler Deal
Bei genauerem Hinsehen ist es noch schlimmer, als es klingt. Chile steckt in einer Dürre. Genauer gesagt: einer Megadürre. Falls du jetzt denkst, das sei nur ein dramatisch klingender Begriff, um ein paar vertrocknete Felder zu beschreiben – nein. Chile „feiert“ dieses Jahr das 15. Jahr der Megadürre. Fünfzehn. Jahre. So lange ist es her, dass es in diesem Teil des Landes ausreichend geregnet hat. Und mit „ausreichend“ meine ich, dass Gletscher nicht mehr nachwachsen, Flüsse zu traurigen Rinnsalen verkommen und einstige Seen vollständig verschwunden sind.
Der Peñuelas-Stausee, der Valparaíso seit langer, langer Zeit mit Wasser versorgt hat? Trocken. Die Laguna de Aculeo, einst ein idyllischer See mit Bootsanlegern, Anglern und vermutlich auch ein paar verliebten Pärchen, die romantisch übers Wasser schipperten? Weg. Kein schwindender Tümpel, kein sumpfiger Rest – einfach nur karger, rissiger Wüstenboden, so trocken, dass selbst ein Kaktus hier ein Burnout bekäme.
Natürlich liegt das unter anderem am Klimawandel – steigende Meerestemperaturen, veränderte Wetterzyklen, das volle Programm. Aber Chile wäre nicht Chile, wenn es nicht noch einen zusätzlichen, selbst gemachten Plot-Twist gäbe: Das Trinkwasser gehört hier privaten Unternehmen. Das ganze Wasser. Kein Witz. Falls du – wie ich – der Meinung bist, dass Wasser wenigstens eine Art Grundrecht sein sollte: nicht in Chile. Nee, nee.
Natürlich gab es schon viel Übel mit der Wasserprivatisierung im „kleineren“ Stil – wie in Frankreich, Großbritannien oder Teilen Deutschlands (Berlin, Rostock). Doch viele haben ihren Irrtum eingesehen und teuer dafür bezahlt. In Chile? Nada.
Diese Besonderheit geht auf Chiles „Lieblingsdiktator“ Pinochet zurück. Lieblingsdiktator? Oh ja. Wir haben ältere Chilenen getroffen, die sein „Werk“ heute noch loben und mit ernsthafter Verzweiflung darüber klagen, dass das Land jetzt von einem „korrupten, unerfahrenen Weichei“ regiert wird. Deren Worte, nicht meine.
Aber zurück zur Privatisierung des Wassers – eine Idee, die so grotesk klingt, dass selbst die wildesten Neoliberalen sie in ihren abenteuerlichsten Träumen kaum durchbekommen hätten. Pinochet wollte mit diesem System eine exportorientierte Landwirtschaft fördern. Und weil Wasserrechte frei gehandelt werden können, sammelten einige wenige Konzerne im Laufe der Jahre den Großteil davon ein. Welche Überraschung!
Heute verbrauchen große Agrarbetriebe mehr Wasser, als sich auf natürliche Weise regeneriert. Und wofür? Für wasserintensive Produkte wie Avocados und Trauben (natürlich für den Wein), die in die ganze Welt verschifft werden – unter anderem nach Deutschland. Falls du dich also jemals gefragt hast, warum deine „wässrige Bio-Avocado“ aus Chile kommt: Das ist die Antwort.
Und die Bevölkerung? Nun ja, die darf ihr eigenes Wasser zurückkaufen – zum Marktpreis. Kapitalismus “at its finest”. Ich habe gelesen, dass über eine Million Chilenen keinen gesicherten Zugang mehr zu Trinkwasser haben. Wasser im Supermarkt oder beim Händler um die Ecke? Teurer als fast überall sonst auf der Welt. Falls du dachtest, dass die Preise an internationalen Flughäfen unverschämt sind – Willkommen in Chile!
Zelt vs. Camper
Den exorbitanten Preisen für schreckliche Unterkünfte geschuldet, übernachteten wir auf diesem Abschnitt unserer Reise im Zelt – eine echte Abwechslung zu unserem Camperleben.
Wir schliefen im billigsten Zelt, das der Ausverkauf hergab – eine Konstruktion, die vermutlich als Spielhaus für Puppen gedacht war. Unsere Schlafausstattung war nicht minder beeindruckend: eine aufblasbare Matratze, eine Art Feldbett, eine 2-Dollar-Pumpe, die die Luft gefühlt schneller entweichen ließ, als sie pumpte, und zwei Schlafsäcke, die in etwa den thermischen Schutz einer Serviette boten.
Als Küchenbereich diente uns ein grandioses Ensemble: ein wackeliger Campingkocher – erstanden in einem jener Geschäfte, die scheinbar alles, aber gleichzeitig nichts wirklich Nützliches verkaufen – sowie ein paar Tassen und Teller von IKEA.
Für unsere erste Nacht fanden wir einen kleinen Pinienwald, der auf den ersten Blick ideal erschien: ruhig, windgeschützt und weit genug von der Straße entfernt, um nicht mitten in der Nacht von einem Lkw überrollt zu werden. Dieser Pinienwald war eine Oase in der Trockenheit dieser Region. Die Zufahrtsstraße, eine staubige und knochentrockene Forststraße, führte uns in einen künstlich angelegten Wald, der vermutlich der Holzproduktion diente.
Dort, ein paar Meter abseits der Forststraße, versuchten wir zum ersten Mal, unser Zelt aufzubauen – und stellten schnell fest, dass es zu klein war. Die angegebenen Maße bezogen sich offenbar nur auf die Grundfläche – eine Information, die in der Praxis wenig hilfreich war, da die Wände steil nach oben verliefen und sich die nutzbare Liegefläche dramatisch verkürzte.
Auf der Matratze liegend, schrumpfte die Liegefläche an beiden Enden noch einmal um gute zehn Zentimeter. Das Ergebnis? Mein Kopf und meine Füße drückten das Zelt nach außen, was wiederum dazu führte, dass sich das über Nacht angesammelte Kondenswasser genau an diesen Stellen sammelte. Als ich am Morgen aufwachte, waren sowohl mein Kopf als auch meine Füße klatschnass. Ein erfrischender Start in den Tag – wenn man die Definition weit genug “dehnt”.
„Anders als in einem Camper“, sagte ich zu Nina, während wir es uns auf unseren kleinen Campingstühlen inmitten des Pinienwäldchens bequem machten. Der Unterschied war enorm. Dieses Wäldchen war nicht unser erster Stopp auf der Suche nach einem Schlafplatz. Wir hatten die gleichen Apps genutzt, die wir auch mit einem Camper verwendet hätten, doch schnell festgestellt, dass sich Zelte nicht einfach überall aufstellen ließen, wo man einen Campervan parken konnte.
Unser erster Versuch führte uns an ein Flussufer – das sogar Wasser führte. Ein idealer Ort, zumindest bis wir von Hunderten Horseflies attackiert wurden. Binnen Minuten wurde unser friedlicher Rastplatz zu einer Szene, die an einen schlechten Horrorfilm erinnerte. Dazu gesellte sich ein streunender Hund, der nicht nur sehr hungrig, sondern auch sehr entschlossen war, jedes essbare und nicht essbare Stück unserer Ausrüstung für sich zu beanspruchen.
Der zweite Stopp war ein verlassener Parkplatz etwas abseits der Autobahn. Auf den ersten Blick schien er praktikabel, bis uns bewusst wurde, dass wir hier keinerlei Schutz vor irgendetwas hatten. Ein Camper bietet immerhin Türen, Fenster und ein gewisses Gefühl von Privatsphäre. Ein Zelt hingegen? Nicht einmal ein Hauch davon. Also suchten wir weiter – und fanden schließlich diesen Pinienwald.
Der zweite große Unterschied zum Campervan war die Sicherheit. Nicht mal eine millimeterdünne Zeltplane trennte uns von der Außenwelt in all ihren Facetten. Jedes Knacken im Gebüsch wurde plötzlich zur potenziellen Bedrohung. Und falls es wirklich brenzlig wurde? Erst aus dem Schlafsack winden, dann aus dem Zelt krabbeln, ins Auto hechten – und dann? Alles stehen und liegen lassen? Ein brillanter Fluchtplan, der in der Praxis genauso ineffektiv war, wie er sich anhörte.
So verlief diese Nacht im Halbschlaf. Es wurde spät dunkel, doch als es dann endlich dunkel war, war es so richtig dunkel. Kein diffuses Stadtlicht am Horizont, keine Straßenlaternen, kein Mondschein. Die Sterne waren von Wolken und den Baumkronen der umgebenden Pinien verdeckt. Alles, was ich sah, war eine dichte, undurchdringliche Schwärze. Und dann begannen die Geräusche.
Ein Knacken hier. Ein Schnaufen dort. Doch nie eine Stimme, nie ein eindeutiges Zeichen menschlicher Anwesenheit. Ich trat vorsichtig vor das Zelt, um mich zu vergewissern, dass wir nicht heimlich umzingelt worden waren – doch da war nichts. Nur Dunkelheit.
So ging es die ganze Nacht. Mal näher, mal weiter entfernt. Knacken, Schnaufen – aus einer Richtung, dann aus mehreren. Als der Morgen dämmerte und wir schließlich aus dem Zelt krochen, offenbarte sich die Quelle der nächtlichen Geräusche: Sechs Wildpferde lagen nur wenige Meter von uns entfernt im Wald.
Ein großes, weißes Pferd lag reglos auf der Seite, und für einen Moment war ich mir sicher, dass es tot war. Doch als ich näher kam, hob es kurz den Kopf, musterte mich aus schläfrigen Augen und entschied dann, dass ich nicht annähernd spannend genug war, um seine Ruhe zu stören. Es legte den Kopf wieder ab und schlief weiter.
Wir hatten schon einige Male Wildpferde gesehen – aber noch nie hatten sie sich neben uns schlafen gelegt. Eine unerwartete Ehre.
Das Zusammenpacken war ein weiterer Punkt, bei dem ein Camper deutlich praktischer war. Alles dauerte länger, alles war mühsamer. Die Pferde blieben, während wir nach dem Zusammenpacken frühstückend neben ihnen saßen. Da musste ich bewundernd an unseren Freund Jan denken, der mit seinem Fahrrad auf der Panamericana unterwegs ist und jeden Tag sein Zelt auf- und abbaut – nachdem er sich all die Gedanken macht, die wir uns gerade jetzt so stellen.





Villarrica-See







Wir erreichten den Villarrica-See – und mit ihm eine völlig andere Welt. Plötzlich war alles grün, saftig und erinnerte mehr an das bayerische Alpenvorland als an den kargen, trockenen Teil Chiles, durch den wir zuvor gefahren waren. Der Landschaftswechsel kam abrupt, als hätte jemand einen Schalter umgelegt: eben noch Wüste, dann plötzlich sattes Weideland. Verrückt. Wenig später erreichten wir unser Ziel für die nächsten zwei Wochen: Pucón.
Die Seenregion Chiles ist bekannt für ihre Vulkane, doch den Villarrica-Vulkan plötzlich vor sich zu sehen, als wir um eine Kurve fuhren, war eine ganz andere Erfahrung. Der riesige, schneebedeckte Kegel mit seiner scheinbar abgeschnittenen Spitze wirkte fast unwirklich perfekt. Der Kontrast zu den grünen, bewaldeten Hügeln ringsum war spektakulär und erinnerte an den Einsamen Berg aus Der Hobbit – oder, wenn man es weniger literarisch ausdrücken will, an den kleinen Bruder von Japans Mount Fuji. Mit dem feinen Unterschied, dass dieser Vulkan hier erst letztes Jahr ausgebrochen war.
Unsere Unterkunft war eine kleine Cabaña auf einem ruhigen Plateau, etwa 15 Autominuten vom Ort entfernt. Hier würden wir Weihnachten verbringen. Unsere Gastgeber, ein junges chilenisch-finnisches Paar, hatten mit ihren zwei Gästehütten auf ihrem großen, bewaldeten Grundstück ganze Arbeit geleistet. Und nach den bisherigen Unterkünften in Chile war diese hier vor allem eines: sauber – und sehr gemütlich! @tresbosques.pucon
Pucón










Ich hatte zuvor noch nie von Pucón gehört – nur im Reiseführer davon gelesen. Es sollte das chilenische Äquivalent zu Neuseelands Queenstown sein. Für alle, denen das nichts sagt: Pucón ist die Outdoor-Hochburg Chiles. Kajak, Wandern, Klettern, Mountainbiken – you name it.
Pucón ist anders. Das fällt sofort auf, als wir das erste Mal die belebte Hauptstraße entlangschlendern und die vielen Häuser aus dunklem, robustem Holz sehen. Nicht selten fragten wir uns, ob wir überhaupt noch in Chile waren. Die Architektur hatte so gar nichts mit dem bisherigen Chile gemein. Stattdessen entdeckten wir auffallend viele Gebäude mit einem starken mitteleuropäischen, insbesondere deutschen Einfluss.
Viele Häuser mit ihren großen Giebeldächern erinnerten uns an bayerische Berghütten oder an die traditionelle Schwarzwald-Architektur. Es gibt verzierte Holzbalkone, geschmückt mit Blumenkästen, und eine auffallende Anzahl an Cafés, Restaurants, Pensionen und Hotels, die sich mit einem gewissen alpinen Charme präsentieren. Oft sieht man geschnitzte Holzschilder mit Namen wie Café Berlin, Hotel Gudenschwager oder Biergarten Pucón – kein Zweifel am deutschen Einfluss. Auch Brauereien im bayerischen Stil, ausgestattet mit schweren Holztischen und massiven Deckenbalken, fügen sich nahtlos in das Stadtbild ein.
Diese mitteleuropäische Ästhetik ist kein Zufall: Deutsche Einwanderer haben den Süden Chiles seit dem 19. Jahrhundert stark geprägt, insbesondere in Regionen wie Pucón und dem etwas weiter südlich gelegenen Frutillar. Ihre Bauweise, kombiniert mit chilenischen Elementen und den natürlichen Materialien der Region, ergibt eine interessante Mischung – eine Art südamerikanisches Alpenflair mit Blick auf einen aktiven Vulkan.
Wie immer lebten wir uns schnell in dieser neuen Umgebung ein. Bei unseren Streifzügen durch den Ort und die Umgebung machten wir schnell neue Bekanntschaften. Ein kleiner Buchladen entwickelte sich dabei zu einem täglichen Stopp. Gavin, ursprünglich aus Südafrika, war eine wahre Informationsquelle für diese Gegend: Welche Ausflüge sich lohnen, wo es schöne Badestellen gibt, welche Wanderung nicht von Touristenmassen überrannt wird – und natürlich großartige Tipps zur lokalen Literatur.
Eines Tages, als er auf einen älteren Herrn deutete – ein Mann, der aussah, als wäre er gerade direkt aus dem Münchener Hofbräuhaus hierher versetzt worden –, sagte er beiläufig: „Das gehört alles ihm.“ So erfuhren wir zum ersten Mal von der tragischen Geschichte dieser Region. Gavin erklärte, dass dieses gesamte Gebiet ursprünglich dem Volk der Mapuche gehörte. Und wie so oft war die Geschichte, die vor Ort erzählt wurde, um ein Vielfaches eindrucksvoller, als sie am anderen Ende der Welt in einem Buch zu lesen.
Ein dunkle Vergangenheit
Die Geschichte der Mapuche ist eine Geschichte von Widerstand, Unterdrückung und unerschütterlicher kultureller Identität. Einst ein stolzes und kriegerisches Volk, das sich erfolgreich gegen die Inka und später gegen die spanischen Konquistadoren zur Wehr setzte, erwiesen sich die Mapuche als erbitterte Verteidiger ihres Landes. Während andere indigene Völker in Südamerika schnell unter die Kontrolle der Spanier gerieten, leisteten die Mapuche über 300 Jahre lang Widerstand. Die Arauco-Kriege wurden legendär – selbst die Spanier mussten anerkennen, dass sie die Mapuche nicht vollständig besiegen konnten. 1641 wurde der Vertrag von Quillín unterzeichnet, der den Mapuche südlich des Bío-Bío-Flusses eine gewisse Autonomie garantierte – eine Seltenheit in der Kolonialgeschichte Amerikas.
Doch nach der Unabhängigkeit Chiles im 19. Jahrhundert änderte sich alles. Der neue Staat erkannte die Mapuche-Gebiete nicht mehr als souverän an. In der sogenannten Pacificación de la Araucanía (1861–1883) marschierte die chilenische Armee in ihr Gebiet ein, besetzte es gewaltsam und übergab große Teile des fruchtbaren Landes an europäische Siedler – insbesondere Deutsche und Schweizer. Einer davon war der ältere Herr, der uns gerade passiert hatte. Naja, vielleicht nicht er persönlich. So alt war er dann doch nicht. Die Mapuche wurden in kleine Reducciones (Reservate) gedrängt, die nur einen Bruchteil ihres ursprünglichen Territoriums ausmachten.
Eine Geschichte, die mir allzu vertraut vorkam – von den Apachen und Lakota in den USA bis zu den Aborigines in Australien. Die Muster sind oft ähnlich: militärische Unterwerfung, Landverlust, kulturelle Unterdrückung und anhaltende Diskriminierung.
Das einzige indigene Volk, dem es bisher gelungen ist, zumindest Teile seiner einstigen Besitztümer, Namen und kulturellen Rechte zurückzufordern, sind die Māori in Neuseeland.
Obwohl das Thema heute aktueller denn je ist, wird es oft nur mit einem kurzen Bedauern zur Kenntnis genommen – wie ein Autounfall in den Nachrichten, den man sich ansieht, bevor man zum nächsten Programmpunkt übergeht.
Weihnachten in drei Kulturen






Weihnachten ist in unserem Nomadenleben immer etwas Besonderes – und in vielen Teilen der Welt stellt sich die Weihnachtszeit ebenfalls als etwas ganz Eigenes dar. Nachdem ich mit kalten, schneereichen Weihnachten aufgewachsen war, fand ich zunehmend Gefallen an warmen Festtagen – bevorzugt mit Palmen und Meer. Zu Bing Crosbys “Winter Wonderland”, “Jingle Bells” oder “Have Yourself a Merry Little Christmas” durch schneefreie Straßen zu schlendern oder bei fast 30 Grad unter Palmen zu sitzen, bereitet mir jedes Jahr aufs Neue große Freude.
An diesem Weihnachtsabend feierten wir mit einem “Potluck” – einer kulinarischen Wundertüte, bei der jeder etwas Selbstgemachtes mitbringt und am Ende ein Buffet voller Überraschungen entsteht. Doch es waren nicht nur die unterschiedlichsten Speisen, die zusammenkamen, sondern auch eine bunte Mischung an Kulturen. Chile trifft auf Finnland, trifft auf Österreich. Doch niemand war mehr genau das, was sein Geburtsland ursprünglich aus ihm gemacht hatte. Da waren “Guti und Isa”, das junge chilenische Paar, das fünf Jahre in Puerto Natales vor den Toren des Torres-del-Paine-Nationalparks gelebt hatte, Isa’s Vater Jari, der seiner Managerposition in Finnland Adieu gesagt hatte und seit vielen Jahren um die Welt reiste, bis er sich schließlich in Chile niederließ – keine Regeln, mehr Freiheit. Und wir, die Vollzeitreisenden, die die Welt als ihr Zuhause sehen.
Das Essen war unglaublich. Guti zauberte ein “Pulled Beef”, das so zart und geschmackvoll war, wie ich es noch nie zuvor gekostet hatte – und damit meine bisherige Überzeugung widerlegte, dass Chilenen und gutes Essen ungefähr so zusammenpassen wie ein Big Mac in einem Burger King. Isa hatte eine selbstgemachte, zuckerfreie Eiscreme mit einem Spekulatius-Boden gezaubert. Jari brachte perfekt gegarte Kartoffel und einen hervorragend kandierten Wein. Wir steuerten Salat, gebratenes Gemüse und ein paar Bier bei. Ein wahrlich geschmackvolles und unterhaltsames Weihnachtsessen.”
Dixit




Nach dem Essen schlägt Isa vor, Dixit zu spielen. Wir lieben es, Spiele mit mehreren Menschen zu spielen – und wenn es mit anderen Kulturen ist, umso mehr. Nina und ich sehen uns an. Wir haben von dem Spiel noch nie gehört, aber bevor wir fragen können, ob es so etwas wie Uno ist, drückt sie uns schon Karten in die Hand.
„Es ist ganz einfach“, sagt sie. Das sagen sie am Anfang alle.
Dann erklärt sie die Regeln: Eine Person denkt sich eine vage Beschreibung zu einer ihrer Karten aus – ein Wort, ein Satz, ein Laut, völlig egal. Dann schauen alle anderen ihre eigenen Karten an und legen eine davon ab, die irgendwie dazu passen könnte. Die Karten werden gemischt, aufgedeckt, und dann muss jeder raten, welche die Originalkarte war. Punkte gibt es, wenn einige Leute richtig raten – aber nicht alle. Wenn man es zu offensichtlich macht, gibt’s keine Punkte.
Klingt einfach. Dann schaue ich auf meine Karten.
Auf der ersten sitzt ein Hamster mit einem Fernrohr auf einem schwebenden Kissen. Die zweite zeigt einen riesigen Schlüssel, der mitten in einer Wüste steckt. Die dritte ist eine Giraffe mit einem Regenschirm, die von einem Heißluftballon getragen wird.
Ich drehe mich zu Nina. Sie betrachtet ihre Karten mit dem Ausdruck einer Person, die versucht, ein Rezept auf Mandarin zu entschlüsseln.
Isa beginnt die Runde. Sie zieht eine Karte, legt sie verdeckt hin und sagt:
„Der Moment, in dem dir klar wird, dass du nie Astronaut wirst.“
Ich starre auf meine Karten.
Der Hamster mit dem Fernrohr? Logisch. Er schaut hoffnungsvoll in die Sterne und wird nie dort hinkommen.
Der Schlüssel in der Wüste? Hm. Vielleicht eine Metapher für verschlossene Türen im Leben?
Die Giraffe mit dem Regenschirm? Nee, eher nicht.
Ich lege den Hamster hin.
Alle werfen ihre Karten dazu, dann werden sie aufgedeckt.
Auf dem Tisch liegen jetzt:
Ein Kind, das einen Papierflieger Richtung Mond wirft.
Ein Mann auf einer winzigen Insel, der sehnsüchtig zu einem Segelschiff schaut.
Eine zerbrochene Rakete mit traurigen Augen.
Mein hoffnungsloser Hamster.
Ich tippe auf die zerbrochene Rakete.
Falsch.
Es war das Kind mit dem Papierflieger.
„Wieso?“, fragt jemand.
„Weil man als Kind denkt, man kann alles schaffen“, sagt Isa. „Dann wird man älter und merkt, dass alles ein wenig komplizierter ist.“
Guti, ihr chilenischer Mann, nimmt einen tiefen Schluck Bier. „Ich dachte, es wäre der Mann auf der Insel.“
„Wie passt das denn zu Astronauten?“, frage ich.
„Na ja, er schaut sehnsüchtig zu etwas, das er nie erreichen kann.“
„Und mein Hamster?“, frage ich.
Alle sehen mich an.
„Der ist einfach nur ein Hamster“, sagt Nina.
Dann ist Jari an der Reihe. Der Finne, Isas Vater. Ein Mann mit dem stoischen Ausdruck eines Menschen, der es vor seiner Lebensänderung gewohnt war, die Sonne monatelang nicht zu sehen. Er betrachtet seine Karte, nimmt einen tiefen Schluck Wein und sagt dann nur ein Wort:
„Joulupukki.“
Alle verstummen.
„Was bedeutet das?“, frage ich.
„Der finnische Weihnachtsmann“, sagt er. Dann schweigt er wieder.
Ich blicke auf meine Karten.
Der Schlüssel in der Wüste? Nein.
Die Giraffe mit dem Regenschirm? Vielleicht ein Symbol für eine afrikanische Helferin des Weihnachtsmanns?
Oh! Hätte ich doch noch meinen Hamster!
Ich lege den Schlüssel in die Mitte.
Als die Karten aufgedeckt werden, liegen da:
Ein dicker alter Mann mit einem Sack über der Schulter.
Ein Schlitten im Schneesturm.
Ein riesiger Schatten, der über eine Stadt ragt.
Mein übergroßer Schlüssel in der Wüste.
Alle tippen auf den alten Mann mit dem Sack.
Falsch.
„Es war der Schatten“, sagt Jari.
„Der Schatten ist der Weihnachtsmann?!“, rufe ich, und wir alle lachen.
Er grinst, nimmt einen Schluck Bier und zieht an seinem Joint. „Es ist ein Gefühl.“ sagt er dann mit ruhiger Stimme.
Ich verliere haushoch – gemeinsam mit Jari, weil niemand unsere Karten wählt. Nina wird Zweite. Isa gewinnt, weil sie anscheinend mit dem Universum auf einer Wellenlänge ist.
Als wir später auf die Terrasse treten, funkeln die Sterne über dem Vulkan, und die Nacht ist angenehm warm.
„Gutes Spiel“, sagt Jari.
„Wirklich?“, frage ich.
Er nimmt einen tiefen Zug von seinem Joint, schaut zum Himmel und grinst.
„Joulupukki.“
Frutillar





Nachdem wir das neue Jahr noch in Pucón begrüßt hatten, ging es weiter nach Süden. Nächster Halt: Frutillar. Da unser Budget sich leider nicht mit den charmanten Pensionen und Boutique-Hotels der Stadt anfreunden wollte, entschieden wir uns für den Campingplatz – eine freundliche Umschreibung für „auf hartem Boden schlafen und nachts mit mysteriösen Raschelgeräuschen hadern“.
Kaum ein paar Meter durch Frutillar spaziert, hatten wir das unheimliche Gefühl, direkt in einen bayerischen Heimatfilm aus den 50ern gestolpert zu sein. Fachwerkhäuser mit üppigen Blumenkästen, Bauernhöfe, Kuckucksuhren, Cafés mit Namen wie Herz oder Frau Holle und Souvenirläden, die voller handgeschnitzter Puppen steckten. Man erwartete beinahe, dass jeden Moment eine Trachtengruppe aus der nächsten Ecke hüpft und eine spontane Schuhplattler-Darbietung startet.
Das Einzige, was nicht so recht ins alpenländische Bild passen wollte, war der gigantische, schneebedeckte Vulkan Osorno. Er ist so absurd perfekt geformt, dass man meinen könnte, eine übereifrige Tourismusbehörde hätte beschlossen, einen „richtigen“ Bilderbuchvulkan in die Landschaft zu setzen. Mit seinem enormen Basisdurchmesser wirkt er noch gewaltiger als der berühmtere Villarrica – und ist zum Glück weit weniger explosiv.
Die Aussicht vom Teatro del Lago, einem beeindruckenden Konzerthaus direkt am Ufer des kristallklaren Llanquihue-Sees, war schlicht atemberaubend – besonders bei Sonnenuntergang, wenn das Licht den See in Gold und Rosa taucht und man sich fragt, ob das jetzt Realität ist oder eine besonders kitschige Postkarte.
Natürlich konnten wir nicht widerstehen und versuchten uns an einem Apfelstrudel – ein Fehler von epischem Ausmaß. Wie kann man es am besten ausdrücken? Stellen Sie sich vor, jemand hätte die gesamte Jahresproduktion einer Zuckerraffinerie in einen einzigen Strudel gepresst. Nach einem Bissen fühlte ich mich, als hätte mein Blutzuckersystem einen direkten Kurzschluss erlitten. Der Rest des Tages wurde in einem zuckrig-hypnotischen Dämmerzustand verbracht.
Ein weiteres Highlight – oder besser gesagt Himmelslight – war der unglaubliche Sternenhimmel. Als ich nachts aus dem Zelt kroch, brauchte es nur einen kurzen Blick nach oben, um zu wissen: Hier draußen ist die Milchstraße kein vages Band aus Licht, sondern ein schillernder Fluss aus Millionen von Sternen in allen erdenklichen Farben. Wunderschön. Vielleicht der zweitschönste Sternenhimmel, den ich je gesehen habe – direkt nach Neuseeland. Und das will was heißen.
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Hi, ich bin Jay. So kraftvoll wie in diesen letzten Jahren ist mir das Leben noch nie begegnet und es darf mich nicht wundern, dass ich das Reich von schnellen und unpersönlichen Geschäften und dem Erfüllen der Erwartungen der Gesellschaft hinter mir gelassen habe. Ich habe mein Sakko gegen Wanderkleidung und Shorts getauscht, das Aftershave gegen Insektenspray und mein Auto gegen einen Camper.
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